Deutschland.
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fieberhafte Temperaturen stellen sich bei ihnen ein, die bei Schädlichkeiten, welche gesunde Menschen noch nicht sehr in Mitleidenschaft ziehen, z. B. Magenkatarrh oder Schnupfen, so hoch werden können, daß sie den Beginn schwerer Erkrankungen Vortäuschen, bis sie ebenso plötzlich, wie sie gekommen, auch wieder verschwinden. Vielfach finden sich auch Znckerabschei- dnngen von verschiedener Stärke und Ausdehnung, welche bisweilen nur die Vorläufer der echten Zuckerkrankheit bilden, die sich nach irgend einer Veranlassung, Erkältung, Anstrengung w., offenbart. Die Schweißabsonderung ist vermehrt oder vermindert, schwitzende Hände und Fuße oder abnorme Trockenheit derselben sind häufig. Der Gesamternähruugszustand der Neurastheniker scheint zwar in einigen Füllen ein üppiger zu sein, ist aber selten ein kräftiger, so daß die Patienten bei betreffender Gelegenheit sich unfähig, irgend einen Widerstand darzu- bieten, erweisen. Wie das Übermaß von Sensibilität, Bewegung und Absonderung dem zu geringen Verhalten in diesen Zuständen nnd Verrichtungen voranfgelst, so zeigt sich auch bei Neurafthenischen früh das Gegenteil der zn üppigen Ernährung, frühzeitiges Altern, das sich in einzelnen Erscheinungen, frühein Ausfall der Zähne nnd Haare, Ergrauen der Haare, Trockenheit der Haare u. dergl. äußert. Bisweilen treten die Symptome der Nervenschwäche einseitig nnd zwar hauptsächlich links ans. Dies beruht darauf, daß die eine Seite des Körpers, die linke, erregbarer und daher auch weniger widerstandsfähig als die rechte ist.
Betreffs der Ursachen nnd Entstehung der Nervenschwäche ist zn sagen, daß dieselbe im weitaus größten Teil der Fülle angeboren oder ererbt ist, nnd daß sie da, wo sie erworben zn sein scheint, doch nur durch gewisse Schädlichkeiten verstärkt ist. Zn den letzteren gehören, wie bereits anfangs erwähnt, geistige nnd körperliche Überanstrengungen, psychische Affekte, Erschöpfung durch lang dauernde Krankheiten, starke Säfteverlnste ans verschiedenen Ursachen, kurz alle diejenigen Momente, welche eine Überreizung nnd damit Abnutzung des Nervensystems bewirken, oder durch Blut- oder Säfteverlnst die Gesamtkonstitntion und somit auch das Nervensystem schwächen. Zn den Reizmitteln, welche im Übermaß genossen prädisponierend für die Entstehung von Neurosen nnd wie bekannt weiterhin von Psychosen wirken, gehören der Alkohol, Tabak, Kaffee n'., zn welchen gerade manche Nenrasthenische, wie oben hervorgehoben, eine besondere Neigung besitzen. Bei den körperlichen Überanstrengungen, welche nicht nur des Erwerbes oder der Pflicht, sondern sogar des Vergnügens wegen in der heutigen Gesellschaft beliebt sind, sind die Tanz- und Eßznsammenkünste zu erwähnen, deren häufige Aufeinanderfolge zur Erschöpfung des Nervensystems in hohem Maße beitrügt. Einige Menschen suchen unerklär- licherweise einen besonderen Reiz oder Ruhm darin, an einein Abende bei drei, auch vier solcher Vergnügungen (?) anwesend zu sein, nnd brüsten sich mit ihrer Leistungsfähigkeit in solchen Dingen, obwohl jedem denkenden Menschen ohne weiteres klar sein muß, daß,, eine solche Überreizung des Nervensystems, die mit dieser Überlastung verbunden ist, auf die Dauer nicht erträglich sein kann, sondern schwere Schädigungen des Organismus, speeiell der Nerven, im Gefolge haben muß.
Da nun in vielen Füllen das Blut nnd auch die Nerven nach erschöpfenden Ursachen sich wieder ergänzen^, so folgen glücklicherweise nicht immer auf schwächende Einflüsse jene oben genannten schwereren Erkrankungen des Nervensystems, wenn die nervöse Disposition dazu fehlt. Es ist sogar erstaunlich, wie viel manche Menschen in dieser Beziehung aushalten können, ohne dadurch anscheinend auch nur im geringsten in ihrer Gesundheit berührt zn werden.
Die Neurasthenie findet sich am häufigsten beim weiblichen Geschlecht in den mittleren Lebensjahren, in welchen die höchsten Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Menschen gestellt werden. Ihr Verlauf ist vielen Schwankungen unterworfen und chronisch. Trotzdem ist der Zustand auch bei recht hochgradiger Ausbildung der Wiederherstellung oder wenigstens solcher Besse
rung fähig, daß das Wohlbefinden nicht sehr gestört erscheint. Hierzu sind besondere Maßregeln, welche die gesamte Ernährung und Konstitution des Kranken nmstimmen und regeln, erforderlich.
werdende und werdende Bühnenpoesie.
Von
Paul Schlenther.
(^Xs^chn sagt, wir leben in einer Übergangsperiode. Ich kann darin kein besonderes Merkmal unserer Zeit er- blicken; denn voransschanende Geister haben niemals an irgend welchen Stillstand der Kulturentwickelung geglaubt und haben stets in der eigenen Zeit mehr das Veränderliche als das Bleibende wahrgenvmmeu, nnd der rückwärtsgekehrte Prophet, der Historiker, kann auch in der Litteraturentwickelnug das Wort des alten Heraklit bestätigt finden, daß alles fließt, daß mit der Zeit alles anders wird. Die litterarische Entwickelung hängt ab von der Entwickelung des allgemeinen Kulturlebens, und jeder Dichter sieht mit den Augen seines Zeitgeistes in eine besondere Welt. Die großen Dichter der Vergangenheit sind für uns die klassischen Zeugen ihrer Welt, und ihre überzeugende Kunst macht uns jene längst entschwundenen Welten wieder lebendig nnd gegenwärtig. Hierin liegt der Begriff des Klassischen. Mit den Gestalten des Sophokles glauben wir an das delphische Orakel und an die Weisheit des blinden Sehers, der enthüllt. Mit Shakespeares Hamlet glauben wir an ehrliche Gespenster — und keine noch so aufgeklärte Aufklärung wird uns diesen Glauben nehmen, so lange wir im Banne der Dichtung bleiben. Die Kunst hat gegenüber den Wandlungen des Lebens eine konservierende Gewalt. Sie ist nicht bloß ein Spiegel, der das Bild der Zeit auffängt, sondern sie gleicht der Lichtplatte, welche das Bild auch festhält. Aber nur solche Kunstwerke bleiben lebendig, die irgend einmal ans der Fülle lebendigen Daseins etwas Ganzes nnd in sich Übereinstimmendes heransgegriffeu haben. Sie mögen ans Jahre, auf Jahrzehnte vergessen werden, aber plötzlich find sie wieder da. Auf den laugen Winterschlaf folgt ein frohes Erwachen; und wie sich eine neue Zeit zu den alten Werken verhält, darin liegt die eigentliche Ahnenprobe ihres klassischen Werts. Man hat neuerdings mit litterarhistvrischen Ausbnddelungcn experimentiert. Den Zacharias Wernerschen „Martin Luther" mußte man wieder hinlegen, wo er so geruhsam gelegen hatte, denn er war von je ein falscher Luther gewesen. Dagegen wurde uns erst vor wenig Jahren ein uralt Meisterstück neu beschert, aus den: unversehens ein frisches, blühendes und sprühendes Leben hervorflutete: Ealderons „Richter von Zalamea." Kaum ist auf dem müden Marsch der Soldateska das Lied der Marketenderin verklungen, so leben wir auch schon mitten im Drama, mitten in der Zeit, mitten in Spanien; denn wie der Dichter aus miterlebter Zeit ein Stück allgemeinen Menschentums herausgehoben hat, so führt uns wieder das allgemein Menschliche zum besondern Zeitbild gläubig zurück.
Je enger eine Dichtung sich ans Leben schmiegt, desto länger bleibt sie selbst am Leben. Und darum muß mit dem neuen Dasein auch die Kunst gleichen Schritt halten. Haben die Lebensbedingnngen sich geändert, so wird eine neue Knust dem neuen Leben folgen. Wie im Leben selbst, so wird sich auch in der Kunst ein solcher Wechsel nicht sehr glimpflich vollziehen. Nur im stählenden Kampfe wird Neuland erobert, und in der Regel wird es ein Kampf der Generationen sein, ein Kampf der Jungen mit den Alten. Es ist nicht sehr ehrerbietig von der Jugend, die Ideale älterer Herrschaften anzutasten, aber sie kann sich damit trösten, daß diese älteren Herrschaften, da sie jung nnd grün waren, nicht viel pietätvoller handelten. Es hat immer eine geistige Disharmonie zwischen zwei einander ablösenden Generationen bestanden; wie die ata-