Heft 
(1889) 25
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Deutschland.

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vistische Lehre behauptet, daß der Enkel dem Großvater meist ähnlicher ist als dem eigenen Vater, wie die Alltagscrfahrnng zeigt, daß die Kinder zn ihren Großeltern meist in einem zärt­licheren lind vertrauteren Verhältnis stehen als znm strengen Vater und zur zurechtweisenden Mutter, so kann auch manchem von den Neusten, die sich jetzt so grenzenlos crdrensten, nach- gcrühmt werden, daß er nnsern klassischen Großvätern von Weimar mit weit verständnisvollerer Hingebung zngethan ist, als die Generation, die nnsern Klassikern unmittelbar folgte. Julius Rodenberg hat es in Weimar vor dem Hostheater er­lebt, wie Gutzkow gegen das Dioskuren-Denkmal die geballte Faust erhob und wetterte:Diese beiden nehmen uns Leben­digen Luft und Licht; aber nennbündige Romane, wie wir, ver­standen sie doch nicht zn. schreiben!" Gegen Goethe steht heute kein Wolfgang Menzel, kein Börne mit wüstem Hasse auf; und höchstens plagen die Düntzers und Schröers den Schatten des Dichters mit ihrer öden Liebe. Wer als Student noch ein Schillerhasser war, bekennt sich reumütig zum Schiller­biographen. Goethe und Schiller sind ans dem Gewühl des Kampfes heransgetreten ans die freie Weltenwarte, wo alle großen Propheten der Vergangenheit stehen und, ewigen Lebens froh, auf die Zwistigkeiten herabschanen zwischen dem, was ster­ben muß, und dem, was werden will.

Dort stehen sie vereint mit solchen, die ihnen zur Lebzeit nicht immer genehm waren, denn der Kampf der Generationen ist nicht von heute. Wir können ihn durch die ganze zwei- hnndertjährige Geschichte unserer deutschen Bühnendichtung ver­folgen. Denken wir an den größten Geisteskümpfer, den unsere Litteratnr zn ewigem Stolz ihr eigen nennt. Lessings Jugend war Kampf gegen die französischen Alexandrinertrngödien und ihren schulmeisterlichen Anwalt Gottsched, der den Hanswurst verbannt und die Schaubühne anständig, tugendhaft, erhaben gemacht hatte. Was Gottsched damals in Theorie und Praxis vertreten hatte, galt als Codex ao-Adetien«. Daran war nicht zu tippen. Die Kunst sollte, was Gottsched wollte, und irgend ein Gesinnnngstüchtiger erklärte:Niemand wird leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Ver­besserung dem Herrn Professor Gottsched zn danken hat." Lessing aber ries dagegen:Ich bin dieser Niemand!" Entsetzter Staub wirbelte aus allen Perücken! Was erfrechte sich der zweinndzwanzigjährige Berliner Recensent im Angesichte der mehr als fünfzigjährigen allgewaltigen Leipziger Magnificenz? Aber es dauerte nicht lange, und Lefsing hatte den Gottsched beseitigt und den Shakespeare entdeckt, denselben Shakespeare, der wenige Jahre zuvor von keinem Geringeren als Voltaire für einen betrunkenen Barbaren erachtet worden war. Dieser betrunkene Barbar führte eine neue große Kultur nach Deutsch­land; die französierende Gattung der Alexandrinertragödie aber, die einst mit demsterbenden Cato" begonnen hatte, mußte selber sterben, obwohl der Alexandrinervers vielen da­maligen Knnstlenchten vom Wesen des Trauerspiels so un­trennbar schien, wie manchen heutigen der fünffüßige Jambus.

Und mit der Form starb der Stoff. Keine noch so er­habene Tugend hat all diese römischen, griechischen, persischen Theater-Heroen und Heroinen vor einem seligen schmählichen Ende zn schlitzen vermocht. Statt ihrer erschienen auf der deutschen Bühne die Helden des eben erst beendeten Sieben­jährigen Krieges; nicht der große Eyrus, sondern der große Fritz war jetzt das Fürstenidenl, und von Persien blieb nur noch die Schwärmerei des ehrlichen Wachtmeisters Pank Werner für den Prinzen Heraklins übrig. Das wirkliche Dasein, die lebendige Zeit hatte wieder einmal ihr dichterisches Recht ge­fordert, und dieser Ruf nach Wahrheit und Natur trug die deutsche Lnstspielpoesie mit einem Mcisterwnrf auf ihre einsame Höhe empor.

AnsMinna von Barnhelm" folgteEmilia Galotti," die Mustertragödie eines neuen Stils, völlig frei von allen Irrlehren des Gottschedtnms und gleichfalls nicht ohne ein starkes Wirklichkeitselement; denn vom Lnstschlosse zu Dosalo führen geheime Gänge auch an die Fürstenhöfe des damaligen

Deutschland; aber der einstige Voltairebesieger war nun auch in seiner Art sehr maßvoll geworden und sah unwillig auf ein junges heranstürmendes Geschlecht herab, das seinen Shakespeare noch übershakespearete. Lessings Emilia und Goethes Götz sind Früchte eines Jahrgangs. Während sie heute, mit glei­cher verständnisfrendigcr Hingebung bewundert, beide ans nnsern Bühnen friedlich nebeneinander leben, brachten sic damals ihre beiden Dichter, den Shakespeare-Entdecker und den Shakcspeare- Enthnsiasten, in einen Gegensatz. Wieder einmal standen sich zwei Generationen gegenüber. Von derEmilia" sagt Goethe, daß er ihr nicht gut sei, und Lessing klagte überdas thea­tralische Unwesen" und hielt sich gewaltsam vorn Theater zu­rück,um nicht mit Goethe anbinden zn müssen."Alles Genie," schreibt er an Wieland,haben gewisse Leute in Be­schlag genommen, mit denen ich mich nicht gern ans einem Wege möchte finden lassen." Wort für Wort könnte das heute, nur nicht so höflich, gegen die Freie Bühne gesagt wer­den. Dem Götz zog eine ganze Schar von Stürmern und Drängern nach, die ohne ängstliche Beachtung überkommener Knnstregeln gesetzlos und maßlos dem Zufall, der Laune freie­sten Spielraum ließen und von Shakespeares Kraft ergriffen, von Rousseans Natnrevangelinm verzückt, vom Geiste der nahen­den Revolutionszeit ahnungsvoll erregt, das Nächste ergriffen und in einer Art dichteten, die man damals krnftgenial nannte. Heute würde man sie naturalistisch nennen. Unter den da­maligen Naturalisten befand sich auch Goethes Straßburger Jngendgenosse Heinrich Leopold Wagner mit seinerKinder­mörderin." Von dieser höchst gewagten bürgerlichen Tragödie meint Carl Frenzcl, es könnte sie Gerhart Hanptmann ge­schrieben haben. Wenn das der Fall wäre, so darf sich Herr Hanptmann über manche Grobheit, die ihm jetzt gesagt wird, mit der Hoffnung trösten, daß ein späteres Jahrhundert ihn ebenso würdigen wird, wie heutige Litteratnrforscher den Dichten­derKindermörderin" würdigen. In diesem Jahr ist wieder­um der ominöse Schillcrpreis fällig. Mein hochverehrter Freund Erich Schmidt hat als Sekretär der Preiskommission dieser Vorschläge zn unterbreiten. -Ob er .Herrn Gerhart .Hanptmann der Ehre des königlichen Preises für würdig halten wird, ist mir mehr als zweifelhaft. Sicher aber weiß ich, daß er jenen Heinrich Leopold Wagner, obwohl er nicht einmal der Hanpt­mann der Geniezeit war, einer ganz ausgezeichneten Biographie gewürdigt hat, worin er vorzüglich nachwies, wie eine solche naturalistische Bewegung ans der Zeit entstehen kann. Dies soll nnr beweisen, daß sich verwandte Erscheinungen ans historischer Ferne freier und gemächlicher betrachten lassen als von nah. Vom längst Verstorbenen sagt man: ach, wie interessant! vom Werdenden sagt man: pfui, wie abscheulich!

Wir haben das am Beispiele Lessings gesehen, und können es auch am Beispiel Goethes oft recht schmerzlich sehen. Der Götz war noch nicht zehn Jahre alt, aber sein Dichter bereits am Weimarer Hof, als im Todesjahr Lessings Schiller znm erstenmal ans die Bühne trat.Die Räuber" undLuise Millerin" diese wundervollsten Früchte der durch Goethes Jngenddrama eingeleiteten Geniezeit welch einen Entrüstnngs- stnrm erregten sie! Nicht bloß bei urteilslosen Schwätzern und Schreiern, nein, auch ein so kunstsinniger Mann wie Goethes römischer Freund Carl Philipp Moritz war außer sich; die Bossische Zeitung" wurde das Organ seines Entsetzens über Kabale und Liebe." Aber auch Goethe selbst kam sich ungefähr so vor, wie sein Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, wieder los werden möchte. Später hat er es zngestnnden: Schiller war mir verhaßt, weil ein kraftvolles aber unreifes Talent gerade die ethischen und theatralischen Paradoxen, von denen ich mich zn reinigen strebte, recht im vollen hinreißenden Strom über das Vaterland ansgoß." Und so dachten viele. Aber die litterarischen Autoritäten und Kapazitäten überwand ein stärkeres Element, ein Element, das immer den wahren Erfolg entschieden hat.Die Aufnahme der Räuber," sagt der gewiß nicht voreingenommene Julian Schmidt,erinnerte an die Aufnahme des Wertster, die ganze Jugend war elektri-