Seite 524.
Deutschland.
31.
Von draußen hörte man durch die Stille der Nacht ein Lärmen und Singen. Sie achtete nicht darauf. Aber was war das, war das nicht die Stimme ihres Mannes? Mühsam erhebt sie sich; die sonst kräftige Gestalt tritt wie gebrochen auf die Veranda hinaus und lehnt sich an eine Säule.
Jenseits der ungepflasterten staubigen Landstraße, feldein- würts, liegt eine Schenke. Die Thür ist aufgesprungen, denn ein Helles Viereck wird sichtbar und Schreien und Johlen dringt durch die Einsamkeit herüber. Tänzelnde, fidelnde Gestalten kommen heran, Silhouetten auf dem silberdurchwirkten Grunde des Mondlichts, drei Zigeuner mit Zimbel und Geigen. Und voran, lustig voran mit Jauchzen der hagere Dinu, die langen, schwarzen Arme und Beine in der Luft schlenkernd, den schlanken Oberleib ekstatisch znrückgebeugt. „Juchhei!" Mit der Faust schlügt er den zerknüllten Cylinderhut noch tiefer in den Nacken; der schwarze Haarschopf bäumt sich über der hohen Stirn, und drunter glänzen zwei große Kinderangen voll Trunkenheit. Ein Singen schwirrt durch die klare Luft. Schrill klagen die Geigen dazu; es weint die Laute, voll thrünensatter Lust, schmerzdurchwühltem Jauchzen! . . .
Anika kann es nicht glauben. Die Hand über die Augen beugt sie sich vor. Und doch, er war es. Und immer näher kamen sie: schwarze, verrenkte Gestalten, in eine schimmernde Staubwolke gehüllt; und es tönte höhnisch gell lind dabei tief wehmütig ihr langgezogener Klageschrei: „Oo—of—of of!"
Anika fühlte vor diesen Lamentationen desto schärfer den wahnsinnigen Schmerz, den sie in der Stille trug.
Da standen sie schon vor der Veranda. Die Angen der Zigeuner phosphoreszierten ordentlich und ihre weißen Zähne grinsten: „Ooo—of—of of ...!" klang durch das melancholische Rauschen der Nacht ihr Kehrreim. „Oooof—of!" sang Dinn schmerzerfüllt, wie das Aufatmen eines belasteten Gemüts. Dabei wankten seine langen Beine unter ihm, die Rockschöße flogen wie lebendig um feinen Leib; er hatte die Hosentaschen hervorgezogen, seine Frau sollte auch sehen, daß sie leer wären: „Guck, Weibchen! nichts! leer!" und er streckte ihr die Zunge heraus, weit heraus und lachte dabei, lachte, daß sich seine Glieder schüttelten.
Anika hatte sich abgewandt. Diese Schamlosigkeit verletzte sie. Schon oft war er betrunken gewesen, aber niemals in diesem Maße. Sie trat in die Stube und ließ sich auf den Stuhl am Tische nieder. Die Kerze war herabgebrannt und hatte den Papierwickel ergriffen, daß er loh anfzüngelte und Hellen Schein auf das Bett warf. Man konnte nur die Polster und die Hände des Kindes unterscheiden, das Gesicht lag im Dunkel, wie abgekehrt von dieser Welt. Dinn war seiner Frau nachgeeilt, er wollte sie küssen. Ein Ekel faßte sie; sie schauerte unwillkürlich. Sie schrie ihm ins Gesicht: „Pfui! Dein Kind . . .!"
„Keins mehr!" lallte er mit Kopfnicken. „Doktor — gestern — gesagt, keins mehr!"
Sie sprang vom Stuhl; rasend bäumte sich ihr Leib, von: herabfnllenden Haar umflossen, ihre Augen traten hervor. Sie ergriff wild das Kind und hielt es ihm vors Gesicht: „Sieh — da — tot!"
Er taumelte zurück. Sein eben noch trunkener Blick wurde gläsern; noch lallte die Zunge, aber er war schon halb ernüchtert. Er sank an das Bett herab und weinte wie ein Kind.
Der Gedanke war ihm heute so einfach erschienen: er war nicht Vater mehr, die kurze Freude war vorüber; in einem Rausch würde er alles verschmerzt haben. Hier aber, hier fühlte er erst, daß er das kleine Wesen geliebt, und daß es ihm nun verloren war.
Die Zigeuner hatten jäh abgebrochen. Die Fiedel war mit einem schrillen Bogenstrich verstummt. Sie stellten sich an die offene Thür und die Fenster und sahen zu, bis das hastige Flackern des Lichtes erlosch; dann polterten sie verlegen über die Veranda und schlichen davon.
Die Erregung Anikas war gewichen. Sie war das sanfte Weib wie zuvor; sie saß auf dem Sessel in sich gekauert im Halbdunkel, denn der Mondschein streifte den Boden am Fenster, und gleichgültig hörte sie das Schluchzen Dinus. Er hatte sich auf den Knieen zu. ihr geschleppt, er suchte ihre Hand, um sie zu küssen. „Schon gut, schon gut," sagte sie ungeduldig und wischte sich die Hand am Kleide; ihr ekelte.
„Anika," stammelte er, „es soll, alles anders - anders werden ..."
„Schon gut, schon gut."
„Anders — ganz anders, hörst Du . . .?"
„Schon gut!"
Warum war er ihr jetzt ans einmal so gleichgültig, nein, so widerlich geworden. Sie vermochte sich keine Rechenschaft zu geben. Und früher hatte sie ihn so sehr geliebt, trotz seines Lasters geliebt — so sehr! — Warum sah sie jetzt so scharf in die Zukunft? Ja, er würde sie weit bringen. Schon begann der Hausrat auseinander zu gehen. Sie sah sich im Geiste als eines jener schmutzigen Weiber, die mit ungekämmtem Haar und zerrissenem Kopftuch von dem einen Nachbar zum andern laufen, um einen halben Franken sich zu leihen — überall eine Atmosphäre von Liederlichkeit, Klatsch und Verachtung hinter sich lassend . . . Zwei Monate lang hatte ersieh ordentlich gehalten, dem Kinde zuliebe, danu war er wieder abgefallen . . . Nein, lieber den Tod, als ein solches Leben. . . . Wie Hütte sie anderes von ihm erwarten können . . . Von . . . diesem . . .
Sie schüttelte sich vor Grauen. Rnssandra fiel ihr ein; ja, sie wird mit Rnssandra arbeiten.
Jetzt lag er wieder vor dem Bett, weinte und schlief plötzlich ein, in langen Zügen schnarchend wie ein Betrunkener.
Sie wollte lieber eine Stufe in der Gesellschaft hinnnter- steigen und ordentlich bleiben, als so sinken, sinken . . . ins Verächtliche. Ihr Entschluß war gefaßt. Sie sprang auf und eilte der Thür zu. Zn Rnssandra! Sie wollten zusammen arbeiten wie Schwestern.
Plötzlich blieb sie stehen. Fünf Jahre voll Leid und Freud' und Erwartungen lagen in diesem Stübchen, alle die lebendigen Wünsche und Gedanken einer jungen Frau, für welche die Ehe ein ganz neues Dasein eröffnet hat.
Und dort, jenes, im Bett! Durfte sie es verlassen, eh es ganz, ganz von dieser Erde genommen war. Sie trat im Halbdunkel auf das Kind zu und liebkoste es. „Halte mich nicht zurück, Herz," rief sie unter Thränen, „denn morgen ist es zu spät, morgen bin ich vielleicht wieder in seiner Macht, unter der Gewalt der tausend Rücksichten und Pflichten, die mich binden werden. Laß mich gehen, toter Engel! Wir sehen uns ja einmal wieder - einmal, wenn alles, alles vorüber