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Deutschland.
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nicht einmal so lohnen, daß von diesem Lohne die Familie bestehen kann, sondern daß thatsüchlich die Arbeit der Frau und Mutter hierzu absolut mit hinzuverdienen helfen muß — so lange wird auch die Arbeiterfrage aller Versicherungs- und sonstigen Gesetze zum Trotz wenig oder gar nichts von ihrer Schärfe verlieren. Das weiß auch die Sozialdemokratie sehr gut, wie noch jüngst ein Artikel eines Blattes dieser Partei siegesfroh ausführte.* Dem sollten sich aber auch im eigensten Interesse die Arbeitgeber nicht verschließen und so weit wie thnnlich selbst auf Frauenarbeit verzichten und nur männliche Kräfte einstellen. Wohl kaum irgendwo und wann sind diese trostlosen Wahrheiten treffender geschildert worden als von dem jüngst mit Recht so gefeierten Jules Simon schon vor langen Jahren.** Simon schreibt, und der geneigte Leser wird ein längeres Citat gütigst entschuldigen, zumal die betr. Werke jüngst mehrfach wieder genannt worden sind:
„Beklagt man die Einführung der Frauen in die Fabriken, so ist es nicht deshalb, weil ihre materielle Lage dort schlecht wäre. Es giebt dort wenig sehr anstrengende Arbeit für sie. Die Arbeiterin in der Spinnerei hat nur die Fäden zu liberwachen und hier und da einen gebrochenen Faden zu knüpfen; mit ihrer Wohnung verglichen, ist der Fabriksaal nach Luft, Reinlichkeit, Aussehen, ein angenehmer Aufenthalt. Ihr Lohn ist höher als der frühere aus Schneiderei und Stickerei. Wo steckt nun das Übel? Die Frau — ist sie einmal Arbeiterin, hört ans Frau zu sein. Statt eines zurückgezogenen, geschlitzten, ruhigen Lebens, lebt sie unter der Herrschaft des Werkführers, unter Gefährtinnen von zweifelhafter Moralität, in beständigem Umgang mit Männern, von Mann und Kindern getrennt. In einem Arbeiterhaushalt sind Vater und Mutter jedes vierzehn Stunden abwesend. Damit hört die Familie auf. Die Mutter, die ihr Kind nicht stillen kann, iiberläßt es einer schlechtbezahlten Amme oder einer Wärterin, die es mit Suppen nährt. Daher die schreckliche Kindersterblichkeit, die Verschlechterung der Rasse, der gänzliche Mangel an moralischer Erziehung. Die Kinder voll drei oder vier Jahren werden, dem Zufall überlassen in den schmutzigen Straßeil, dem Hunger und der Kälte preisgegeben. Kommen Vater und Mutter um sieben Uhr ermüdet von der Arbeit zurück, was finden sie zu ihrem Empfang? Die Kammer war den ganzeil Tag leer, niemand hat aufgeräumt, niemand ein Feuer entzündet, der ermüdeten Mutter fehlt die Kraft, die Speisen zu bereiteil, die Kleider zerfallen in Lumpen. Wen kann es allzusehr wundern, daß der Vater mit Widerwillen in die enge, schmutzige, ungelüftete Kammer zurückkehrt, wo ihn eine schlecht bereitete Mahlzeit, eine ihm nahezu fremd gewordene Frau, halbwilde Kinder erwarten, und daß er rasch nach dem Wirtshaus eilt, wo sein Gewinn hinfließt, seine Gesundheit verdirbt. Das Ergebnis ist: Armut mitten in einer blühenden Industrie.
Selbst die Erhöhung der Löhne kann dem Pauperismus nur eiu Ende machen, wenn dieselbe von einer tiefgehenden sittlichen Reform begleitet ist. Werden die heutigen Löhne mit Verstand und namentlich mit Rechtschaffenheit verwendet, so genügen sie annähernd, eine Familie zu erhalten, soweit sie nicht durch Krankheit oder Krisen getroffen wird. Es ist eine schreckliche Sache, daß das Brot in der Arbeiterhaushaltung öfters mangelt durch den Fehler des Vaters als durch den Fehler der Industrie. An dem einen Montag verschlingt das Wirtshaus den vierten Teil des Wochenlohnes, vielleicht gar die Hälfte, und die bestbezahlten Arbeiter, die mit ihren Familien in allem Behagen leben könnten, sind vorwiegend der Trunkenheit ergeben. Ordnung und Arbeit sind es noch mehr, wie gute Bezahlung, die das Wohlergehen sichern. So ist das Übel meistenteils ein moralisches und die Aufgabe ist, den
* Sachs. Arbeiterzeitung vom 27. April 1890.
** Jules Simon: «I^uvritzi-o» und «I^'ouvrier cw buit ans.» Beide Werke sind in den sechziger Jahren zuerst erschienen und seitdem oft aufgelegt. - L-ie verdienen gerade in der Jetztzeit ein besonderes In teresse.'
Arbeiter durch sich selbst zu retten. Wenn einmal die Werkstatt voll und das Wirtshaus leer ist, wird das Elend besiegt sein; alle anderen Güter kommen dann von selbst.
Die Arbeiter sind, man kann sagen alle, der Neigung zum Familienleben zugänglich. Die Schwierigkeit ist, die Frau und Mutter in das Haus zurückzubringen. Dem widerstrebt alles: Gesetz und Industrie, die materiellen Bedürfnisse der Familie und schließlich die Frau selbst. Es giebt niemanden, welcher den Frauen ein natürliches Recht, der Industrie fast die Hülste ihrer Arme, den Haushaltungen einen täglich nötiger werdenden Zuschuß entziehen möchte oder könnte. Mag die Familie grausam darunter leiden -- die Kinder haben Hunger — die Frau geht auf die Arbeit. Beklagen doch selbst zärtliche, aber durch die Not gedrängte Mütter das Verbot, welches ihre noch nicht neunjährigen Kinder von der Fabrikarbeit ausschließt. Aus der Näherei allein ihren Unterhalt zu ziehen, ist der alleinstehenden Frau unmöglich; sie geht in die Fabrik, die ihr mühelosere Arbeit und einen verhältnismäßigen Lohn gewährt.
Da wir nicht durch einen Machtspruch die Arbeit der Frauen in der Fabrik verbieten können, welches sind die Mittel, die Familie wieder herzustellen? Zuerst soll dieselbe ein Heim haben, in dem sie leben kann. Wie aber die Dinge liegen, haben wir dem Wirtshaus nur Höhlen entgegeuzustellen, allen Winden offen, ohne Feuer, Licht und Bett, ohne Reinlichkeit; mörderische Wohnungen, wo die Gesundheit beinahe ein Wunder ist. Es ist nicht so schwer, Arbeiterwohnungen herzustellen. Damit allein ist es allerdings nicht gethan, aber es ist sicher, daß die Familie allein schon durch die Thatsache, daß sie ein gutes Zimmer statt einer Höhle bewohnt, bereichert ist; es genügt dazu, daß es dem Familienvater im Hause gefällt und er weniger in die .Kneipe geht, denn dort setzt er nebst dem Drittel des Lohnes auch ein gutes Stück Gesundheit zu. Um die fünfzehn oder zwanzig Franken hereinzu bringen, welche an jedem Zahltag der Orgie verfallen, muß die Mutter die Wiege des Neugeborenen verlassen, das Kind von acht Jahren zehn Stunden täglich in der Fabrik schmachten. . . Sparkassen und Hilfskassen, die den Arbeiter gegen seine drei großen Feinde beschützen: Arbeitslosigkeit. Krankheit und Alter werden ihm die schicksalsvolle Unbesorgtheit nehmen, die häufig genug der Verzweiflung entspringt, ihn verurteilt von Tag zu Tag ohne Sicherheit, ohne Würde zu leben. . . Und dann ist es die Unterrichtsfrage. Der unwissende Arbeiter kann aus seiner Lage nicht heraus, er kann in der Werkstatt nicht vorwärts kommen, Vorarbeiter und Werkstattsführer werden. Daher Schulen für Kinder und Erwachsene. . . Alle Reformen fassen sich in dem einen Worte zusammen: Wiederherstellung des Familienlebens. Die Schule des Willens ist der häusliche Herd. Die Produktivkraft und das innere Gedeihen eines Volkes hängt vor allem von seinen Sitten ab."
Das sind wahrlich Worte, wie sie treffender keinem Industriellen ans Herz gelegt werden können. Das «csimrebex In temrne» ist einer der Hauptpunkte der sozialen Frage. Denn wie unendlich in dieser Beziehung noch manche Kreise von den Begriffen der Gerechtigkeit entfernt sind, dafür lieferten die Kartonfabrikanten in jüngster Zeit ein nur zu drastisches Beispiel: um die Grundlosigkeit eines in der betreffenden Branche ausgebrochenen Streikes darzuthun, veröffentlichten sie eine Lohnstatistik, ans der unter anderem hervorging, daß -- — eine Arbeiterin pro Woche sechs Mark, schreibe sechs Mark, verdient. Daß ein solches Vorgehen geradezu Öl ius Feuer gießen heißt, dürfte selbst dem blödesten Auge klar werden. Wie ein Mädchen von achtzig Pfennigen sich kleiden, nähren, unterhalten und Wohnung beschaffen soll, - das war allerdings in jener Statistik nicht mit ausgeführt.
Diesen Konsequenzen entsprechend gestalten sich auch die Lehren, welche die Arbeiter selbst aus der „Feier" dürften ziehen können.
In erster Linie steht hier die Thatsache, daß kein mit Vernunft begabter Arbeiter sich länger dem verschließen kann, daß unsinnigen Forderungen gegenüber seitens der Arbeitgeber kiinf-