Heft 
(1889) 33
Seite
553
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TS 33 . Deutschland. Seite 553.

mehr, und schenkst Du mir ab und zu längere Zeit, so werde I ich dessen erst recht inne, wie beseligend es sein müßte, wenn es schon für immer nicht möglich ist, so doch einen Tag we­nigstens an Deiner Seite zuzubringen. Von unseren Prater­spaziergängen komme ich immer ganz toll vor Leidenschaft nach Hause, und heute ist's ärger denn je. Morgen ist Feiertag. Du hast also keine Stunden, und wenn auch, mach Dich frei! Wir machen morgen endlich den Ausflug, den wir schon so lange Vorhaben. Du hast ihn mir versprochen, mich bisher aber immer von einem Sonntag auf den anderen vertröstet. Ich kann und will nicht mehr länger warten. Du hast keinen Grund, mir diesen berechtigten, heißen Wunsch zu versagen, also erfülle ihn, ich flehe Dich an! Deiner Tante sagst Du, wie wir's verabredet, Du seiest von einer der Familien, bei denen Du Stunden giebst, zu einer Landpartie geladen worden. Also morgen um elf Uhr erwarte ich Dich beim Erzherzog Carl- Monumente!

Ich gebe diesen Brief doch lieber nicht poste rswaute alif. Der Teufel könnte es wollen, daß Du gerade morgen nicht oder zu spät auf der Post uachsiehst. Ich schicke ihn Dir also ins Haus. Sage Deiner Tante halt, es sei eine Einladung. Damit es ja wahrscheinlich aussieht, schreibe ich schnell ein paar Zeilen, in denen Du eingeladen wirst. Die Unterschrift mach Du dazu! Also Du kommst!!! Ich schicke den Burschen gleich weg, damit der Brief noch heute ausge­hoben wird (ich glaube, zehn Uhr ist der letzte Termin!). Und jetzt: Gute Nacht, Du mein einziges, herziges Kind. Es küßt Dich tausendmal Dein Dich heiß liebender

Fritz,

der den morgigen Tag kaum erwarten kann.

U. 8. Auch bei Regen komme! Die Familie hat Dich halt für jeden Fall geladen.

111.

Wohlgeboren

F r ä ulein E in m a Schild

in

Wien,

VII. rsiMnUe.

Wien, den 15. Dezember 1831.

Mein liebes Kind!

Unser Verkehr ist in der letzten Zeit so unerquicklich ge worden, daß die Fortsetzung desselben im Interesse von uns beiden nicht ratsam ist. Die Heirat, von der Du immer und im letzten Briefe besonders dringend sprichst, ist einfach unmög­lich; ich habe es Dir schon oft genug auseinandergesetzt. Nicht ich sträube mich dagegen, die Verhältnisse gestatten es nicht. Ich müßte in die Reserve übertreten oder quittieren, denn ich kann die Kaution nicht erlegen. Von was aber sollten wir dann leben? Mein Erbteil beträgt nicht ein Drittel von jener, die Zinsen genügen also kaum, um einen Menschen notdürftig zu ernähren, geschweige denn eine Familie. Überdies würde mir's der Papa gewiß nicht auszahlen, vielleicht nicht einmal im Testament vermachen, denn er würde mir, wie ich ihn kenne, diesen Schritt nie verzeihen. Und nicht mit Unrecht! Eine Heirat wäre in diesem Falle ein Verbrechen, nicht etwa nur an mir und meiner Zukunft, auch au Dir und den Kindern, die ihr entsproßten. Wie stellst Du Dir so ein Leben ohne Geld vor? Die Phrase, daß für ein liebendes Paar auch in der kleinsten Hütte Raum sei, ist zwar ganz schön, aber nur im wörtlichen Sinne wahr; für uns beide wäre wohl Raum, und auch für die Sorge, nicht aber für die Kinder. Und die Liebe würde bald dem Hunger erliegen, zumal die unsere, die ohnehin schon so schadhaft geworden ist, wie das Dein letzter Brief wieder zur Genüge bewiesen hat.

Nimm also Vernunft an, mein liebes Kind; ich bleibe Dir gut und werde für Dich thun, was in meinen Kräften steht.

Du thust mir in Deinem letzten Briefe sehr unrecht! Du wirfst mir vor, ich vernachlässigte Dich; bedenke, daß ich einen Beruf habe und nicht bloß Liebhaber, sondern auch Offizier bin. Du nennst mich einen Lügner und Betrüger! Warum? Habe ich Dir je vorgespiegelt, ich Hütte Geld? Ta eorrtraire! Ich gestand Dir außer meiner Gage nur eine kleine Zutage zu haben; und wenn ich dessen Erwähnung that, weil ich Dich aus diesem Grunde nicht so beschenken konnte, wie ich wollte, so bist Du mir stets ins Wort gefallen und wolltest vom Gelde nichts hören. Habe ich Dir aber im Taumel der Liebe mehr versprochen, als ich halten kann, so schreibe das der Unzurech­nungsfähigkeit meines damaligen Zustandes zu. Du hast mir ja auch versichert, nie könntest Du mir zürnen, und seit länger als einem Monat überhäufst Du mich mit Vorwürfen und Drohungen; auch an Verbalinjurien läßt Du es nicht fehlen, namentlich im letzten Briefe. In diesem nennst Du mich unter- anderem auch einenperfiden Verführer." Ein bequemes Wort, hinter dem sich die Frauen mit Vorliebe verschanzen, das ihrem Charakter aber faktisch nur ein Armutszeugnis ausstellt. Wenn die Frauen wirklich so willensstark und dem Manne geistig ebenbürtig sind, wie sie zu sein behaupten, so kann von einer Verführung ja gar nicht die Rede sein, zumal Ihr uns ja nur ironisch oder doch nur mit Bezug auf unsere Körperkraft als starkes Geschlecht" bezeichnet und Euch über unsere Schwäche Euch gegenüber lustig mackst. Wenn wir so schwach sind, wie Ihr sagt, nun dann sind wir die Verführten. Aber mit echt weiblicher Logik dreht Ihr die Sache nm, sobald sie Euch nicht mehr paßt. Das alles gilt auch von unserem Verhält­nisse. Ich bin durchaus kein perfider Verführer, ich habe nur gethan, was jeder andere Mann an meiner Stelle gethan Hütte, was millionenmal vor mir geschehen ist und nach mir ge­schehen wird. Ich habe mir nicht mitschnöder Hinterlist," wie Du schreibst, Deine Unerfahrenheit zu nutze gemacht, son­dern nur gemeint, ein Mädchen könne mit zwanzig Jahren und in Deiner Stellung schon die Bedeutung eines Verhält­nisses ermessen. Du drohst Dich zu töteu, wenn ich Dich verlasse, und nennst mich schon im voraus Deinen Mörder. Bedenke, was Du sprichst! Lasse doch derlei Theaterphrasen! Ich sehe absolut keinen Grund ein, warum Du verzweifeln solltest. Du gehst Deinem Berufe nach wie bisher, behagt er Dir nicht mehr, so versnch's mit der Bühne, wie Du es ja schon vorgehabt: Du hast eine gute Stimme, ein gutes Gehör, und, wie Du glaubst, auch dramatisches Talent. Du scheinst hierin recht zu haben; wenigstens verstehst Du Dich prächtig auf das Sceuenmacheu. Übrigens wird Dir in jedem Falle Dein schönes Exterieur beim Theater viel nützen. Warum solltest nie mehr glücklich werden, wie Du schreibst? Das, was Dir jetzt unerträglich erscheint, ist der Schmerz der ersten Liebe, der keinem Menschen erspart bleibt.

Sollte das traurige Ereignis, das Du andeutest, wirklich eintrcten, was Gott verhüten möge, so bin ich natürlich bereit, alles zu thun, um Deine Lage zu erleichtern und den Unter­halt des Unglücksgeschöpfes zu bestreiten. Doch hoffen wir, daß Deine Befürchtung sich als überflüssig erweist.

Dieser lange Brief soll Dich endgültig über den Stand­punkt unterrichten, den ich in dieser leidigen Affaire einnehme, einnehmen muß, und Dir damit den Deinen anweisen. Ver- such's nur, die Sache ohne Leidenschaft zu überdenken, und Du mußt mir recht geben.

Ich werde demnächst transferiert werden und das Fern­sein wird seine wohlthätige Wirkung zweifellos bei Dir geltend machen. Denke ohne Groll an mich, mein liebes Kind; ich bin und bleibe Dein Freund Triü.