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Deutschland.
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„und der hat es nötig, sich zu beklagen, daß man ihn Judas nennt; der reine Verräter steht ihm fingerdick auf dem Gesicht geschrieben. Aber das schwöre ich Ihnen, Herr Doktor, so wahr ich meine Religion und meinen Glauben habe, wenn ich meinen Zopf nicht wieder bekomme, bringen mich keine zehn Pferde mehr vor die Hausthür."
Da sie in demselben Augenblick bemerkte, daß sich eine Anzahl Weiber und Kinder draußen auf der Gasse versammelt, war sie im nächsten Augenblick vor der Thür, um zu sehen, was es gäbe. Lautes Gelächter empfiug sie, alles deutete iu die Höhe, die Kiuder hüpften vor Vergnügen, die Weiber hielten sich die Seiten. Christine trat ans die Gasse und schaute am Hause hinauf; über der Thür, recht im grellen Sonnenlicht, hing ihr schwarzer Zopf. Sie wollte in Thränen aufgelöst in des Doktors Stube eilen, um ihm das Unerhörte zu berichten, allein der alte Herr hatte fürsorglich abgeschlossen, was er immer that, so oft sich Christinens Gemüt im Zustande der Erregung befand; es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich ihrer Empörung auf schriftlichem Wege zu entäußern. Frau Christine verkehrte solchergestalt nicht nur mit ihrem Herrn, sondern mit der ganzen Nachbarschaft und all den Menschen, die etwas im Hanse oder mit ihr zu thun hatten; denn sie lebte mit jedermann ans dem Kriegsfuße, als ob sie sich verpflichtet fühlte, den stillen, verbissenen Menschenhaß ihres Herrn sozusagen ins Werkthätige zu übersetzen. Was an Zärtlichkeit in ihrem Herzen wohnte, verschwendete sie an zwei Katzen, die sie sich heimlich hinter dem Rücken ihres Herrn aufgezogen, und deren Verteidigung gegen die Bosheit der Menschen sie nie zur Ruhe kommen ließ.
„Hm," meinte der alte Herr eines Tages, den Kopf von seiner Arbeit erhebend, „sollte der Junge wieder draußen sein?" Es waren jedoch nur Weiberstimmen, welche an sein Ohr schlugen.
„Seien Sie doch nicht so hitzig," hörte er die eine sagen, „ich will ja weiter nichts, als dem Herrn Doktor den Lohn Massen fürs Straßenfegen, dafür, daß er dem Buben geholfen; wenn mein Mantel auch nicht von Seide ist, weil ich keinen Hab', so weiß ich doch, was unter anständigen Menschen der Brauch, und wir nehmen nichts umsonst "
„Hör' einer," ereiferte sich Christine, „ist das ein Geschwätz. — Glauben Sie denn, der Herr läßt sich etwas schenken? Nicht einmal zu Weihnachten von mir! Entweder Sie nehmen Ihren Lohn, oder Sie haben zum letztenmal vor unserer Thür gekehrt."
Groß war ihre Entrüstung, als sie tags darauf den Buben in der Arbeitsstube ihres Herrn vorfand.
„Wie kommt er herein?" fragte sie.
„Durchs Fenster," höhnte der Bube mit eiuer wahren Teufelsfratzc.
„O, Du Judas," keifte die Frau, „Du wirklicher, wahrhaftiger, rothaariger —"
„Christine," unterbrach sie der alte Herr, „das ist häßlich —"
„So, so," stotterte sie, „nun, wenn Sie glauben, Herr Doktor, daß ich mir von einem Bettelbnben — denn ans Bettel ist's ja doch nur abgesehen — in einer solchen Weise begegnen lasse, sind Sie im Irrtum, Herr Doktor, womit ich Ihnen ge- horsamst gekündigt zu haben ankündige." Und Frau Christine schritt mit der Miene einer beleidigten Fürstin zur Thür hinaus. Der Doktor aber gab dem Bubeu, der in ein lautes
Hohngeschrei ausbrach, eine tüchtige Ohrfeige und wandte sich seiner Arbeit zu. Vor ihm auf dem Tisch stand ein kleiner Spiegel; in diesem behielt er den hinter seinem Stuhl stehenden Buben im Auge. Fritzens Interesse hatte sich der schwarzen Perücke zugewandt, an der er von Zeit zu Zeit leise mit dem Finger rührte. Plötzlich griff er in die Tasche und kam mit einem Bindfaden heraus; mit unglaublicher Vorsicht uud Geduld wurde dieser au einigen Haaren der Perücke und so dann an den Stuhl festgebundeu. Der Doktor blieb ganz ruhig, uud der Bube ließ kein Auge von ihm. Dies dauerte eine Weile, dann löste er plötzlich den Bindfaden los und steckte ihn, einen tiefen Seufzer ausstoßeud, wieder in die Tasche.
„Komme einmal da vor," sagte der Doktor, „und sieh mir ins Gesicht; Du hast ja jetzt gesunde Augen, was soll das Seitwürtsschielen — es ist häßlich."
Fritz bemühte sich, die Worte des alten Herrn zu befolgen, gab es jedoch schon nach einigen Versuchen auf.
„Rühre diesen Topf um," befahl der Doktor, „damit Du etwas zu thun hast, und sage mir, warum Du überhaupt wiedergekommen bist?"
„Weil der Herr Lehrer mich doch noch Judas nennt, und ich habe ihm die ganze Zeit nichts mehr gethan."
„Hm, das ist schön," sprach der alte Herr.
Fritz wurde rot bis in die Haarwurzeln; er stand ordentlich in Flammen; — wie klang das so anders als das ist häßlich. — In tiefster Verwunderung schlug er die Angen zu dem alten Herrn auf, dann gab er sich, ganz Eifer, seinem Geschäft hin und hörte nicht ans zu rühren, bis man ihn heimjagte.
„Was will der Kerl eigentlich?" fragte sich der alte Herr, „was hat ihn veranlaßt, den Streich mit meiner Perücke nicht anszuführen?" Christine kam mit der Lampe und einer schlecht zubereiteten Speise. Der Doktor verstand die Rache. „Jede Kreatur ist heimtückisch," murmelte er.
„O, Herr Doktor," seufzte Christine, „der Himmel bewahre Sie vor den Erfahrungen, die Sie noch an dem entsetzlichen Buben machen werden; denn bei uns ist nichts eingeschlossen, und der Himmel verzeihe Ihnen, daß Sie mich alte ehrliche Seele heimtückisch nennen —"
„Haben Sie wirklich nichts Geheimes vor mir?" fragte er.
Sie dachte augenblicklich an ihre Katzen, legte die Rechte aufs Herz und schwor unter feierlichen Thränen, ihre Seele liege vor dem Herrn Doktor da wie ein leeres Buch, nur könne sie es nicht ertragen, wenn der Herr Doktor von seinen Prinzipien abginge und gegen eine menschliche Kreatur, und noch dazu gegen eine so ruppige, die Güte selber wäre.
„Das bin ich nicht," brummte er, „ich lasse den Buben gewähren, weil es mich interessiert, worauf er's ablegt."
„So," freute sich Christine, „haben Sie keine Angst, wir werden ihn fassen; — ich werde ihm aufpassen, und ich bin die Person, die noch alles ausgekundschnftet im Leben, uud selber gehe ich auf die Polizei, Herr Doktor, das lasse ich mir nicht nehmen."
Es war ihr fast unangenehm, daß volle vierzehn Tage vergingen, ohne daß sich der Bursche sehen ließ. Eines Tages aber trat er mit großer Wichtigkeit bei dem alten Herrn ein. „Was ist das?" fragte er und legte eine halb verwelkte Pflanze vor ihn hin.