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Deutschland.
Seite 653.
„Ist das alles?"
Das ist alles.
„Und glauben Sie wirklich, das genügt?"
Ich bin fest überzeugt, daß es genügt; denn es wird verstanden.
„Fürchten Sie nicht, ein bißchen — frivol zu sein?"
Ich fürchte niemals frivol zu sein, indem ich der Kunst diene; denn die Kunst ist mir heilig.
Wie gesagt, das ist eine einfache, bescheidene Thatsache, die ich meinen werten Kollegen in der Kritik zur Prüfung unterbreite. Was mich betrifft, so bin ich in meinem Grundsätze durch die Beobachtung, wohin die übrigen Wege führen, je länger desto mehr bestärkt worden. Sie führen nämlich dorthin:
Im besondern:
Daß es sich komisch ausnimmt, wenn der sittliche Schweinehändler eines Morgens selber als Schwein verkauft wird, was ihm unversehens widerfahren kann.
Im allgemeinen:
Erstens, daß man die litterarische Freiheit unkünstlerischen Mächten gebunden ausliefert, von deren Gewaltthütigkeit man sich das Schlimmste zu versehen hat, da sie einst sogar einen Perikles und Euripides, einen Lessing, Schiller und Goethe im Namen der gefährdeten Sittlichkeit und Religion angefochten haben. — Zweitens, daß man sich vor der Nachwelt unsterblich lächerlich macht, falls einem das Unglück begegnet, einen Sünder unter die Hände zu bekommen, der später als Meister erkannt werden wird. Denn davon kann doch wahrlich keine Rede sein — um das beiläufig zu bemerken — daß wir Kritiker oder Pastoren oder Staatsanwälte etwa aus eigener Urteilskraft ihn als Meister zu erkennen und von dem Strafgericht auszunehmen vermöchten. Wir sind ja unter uns, wir brauchen uns also nicht für gescheiter auszugeben als wir sind. Was für ein klägliches Gesicht schneidet nicht schon heute, nach kaum mehr als dreißig Jahren, jener bedauernswerte Staatsanwalt, welcher den Dichter von „Madame Bovary" im Rainen der entrüsteten Sittlichkeit auf die Anklagebank lud! Was gäbe nicht seine Familie dafür, wenn sie dieses Datum und diesen Namen aus der Litteraturgeschichte zurückzieheu könnte!
„Unsere deutschen Realisten sind jedoch keine Flaubert!"
Zugegeben. Allein das ist eine litterarische Frage. Und so führen Sie mich selber vom sittlichen aus den litterarischen Standpunkt der Kritik zurück. Das war es aber eben, was ich begehrte.
Lehergedanken im Thorwaldsen-Museum.
Von
I. M- I.
(^thorwaldsen war über siebzig Jahre alt und nicht nur in Dänemark, sondern auch in ganz Deutschland als der größte Bildhauer der Neuzeit gefeiert, als er im Jahre 1841 eine Huldigungsreise durch Europa unternahm, wie er das auf seine alten Tage eigentlich liebte. Damals wurde er auch in München mit Lorbeer überschüttet. König Ludwig war zwar abwesend, schrieb aber au den bewunderten Künstler einen verzwickten Brief mit schönen Partizipien; und in der Gesellschaft der „Zwanglosen," einer geistreichen Vereinigung von Künstlern und Schriftstellern, wurde er von einem gelehrten Orientalisten in fünf unverständlichen Sprachen, darunter auch auf chinesisch, angetoastet. An diese chinesische Begeisterung wurde ich gegen meinen Willen erinnert, als ich jüngst in Kopenhagen die Säle des Thorwaldsen-Museums durchwanderte.
Wenn heutzutage ein deutscher Schriftsteller und Redakteur nach Kopenhagen reist, so steht das Thorwaldsen-Museum nicht mehr im Vordergründe seines Interesses. Er will als Mensch
Natur sehen und als Redakteur die Verbindung mit den skandinavischen Naturalisten erweitern.,, Georg Brandes scheint ihm wichtiger als Thorwaldsen und Ohlenschlüger. Aber natürlich wird er am ersten Regentage das seltsame Museum aufsuchen, welches von seinem Erbauer so sinnig im Stile eines ägyptischen Tempels errichtet worden ist. Einst wird man da nach Mumien graben können.
Ich betrat den Tempel mit dem gangbaren Gefühle der Pietät. Erinnerungen an den Löwen von Luzern und an die beiden Basreliefs „Nacht" und „Morgen" begleiteten mich freundlich. Und die andächtigen Gesichter der vielen hundert Dänen, welche die Werke ihres als Klassiker verehrten Landsmannes anstaunten, konnten die Stimmung nur erhöhen, weil ich die ausgetauschten Kunsturteile nicht verstand.
Es geht dem Deutschen in Dänemark eigentümlich mit der Sprache. Deutsch und dänisch ist so nahe miteinander verwandt, daß wir viele Worte, oft ganze Sätze für reines Deutsch halten, wenn wir einem dänischen Gespräche zuhören. Aber was wir zu verstehen glauben, verstehen wir erst recht nicht, weil die germanischen Worte eben dort ihre Bedeutung geändert haben.
Allmählich kam nun über mich das Gefühl, daß wir auch die Sprache Thorwaldsens nicht mehr verstehen, weil die alten wohlvertrauten Formen einfach ihre Bedeutung eingebüßt haben. Bor hundert Jahren, als Goethe seine Iphigenie schrieb und die Franzosen ihrer Revolution ein römisches Kostüm anzogen, da war uns dieser ganze antike Formenschatz noch geläufig; heute aber ist er uns kein Schatz mehr und verdient wirklich nur noch, in einem Museum aufbewahrt und behütet zu werden.
Der Löwe von Luzern, den Thorwaldsen ausgeführt hat, ohne jemals einen lebendigen Löwen gesehen Zu haben, wirkt nicht nur in seiner romantischen Umgebung ergreifend; auch der Gipsabguß des Modells in Kopenhagen beweist, wie groß die Macht eines glücklichen Symbols sein kann. „Nacht" und „Morgen" sind uns selbst durch die unzähligen Wiederholungen in Stuck und Pappe nicht zum Ekel geworden; die beiden bekannten Reliefs müssen also doch wohl eine Formschönheit besitzen, in der etwas Ewiges steckt. Und es wäre thöricht, dem dänischen Bildhauer eine gewisse symbolische Tiefe und einen hohen Grad von Schönheitssinn absprecheu zu wollen. Trotzdem wird ein moderner Mensch, der sich nur eine Stunde im Thorwaldsen-Museum aufgehalten hat, endlich eine bleierne Langeweile empfinden, die auf ihm lastet, die ihm drückend den Atem beengt und die ihn hiuaustreibt in irgend ein ehrliches Stückchen Natur.
Thorwaldsen hat selbst die Kunst oder seine Kunst einmal symbolisch gestaltet in einem seiner bekannteren Reliefs. «-L ^tziüo llurisu» nennt er das Ding in einer toten Sprache. „Die Kunst ist darauf in Gestalt einer Frau dargestellt, welche, im Begriffe auf einer Tafel zu zeichnen, erwartet, daß der Genius der schöpferischen Eingebung Ol in die Lampe gieße." Nun sind wir freilich alle durch die Schule so sehr au den leeren Gebrauch antikisierender Worte gewöhnt, daß es uns schwer füllt, das vollkommen Sinnlose einer solchen Sprache zuzngestehen. Ich frage aber, wo in aller Welt auf diesem Relief eine Anschauung ist, die wir mit der Kunst verbinden? Zugegeben, daß die Kunst durch ein Frauenzimmer vermenschlicht werden muß. Warum aber trägt sie sogenannte griechische Kleidung? Warum arbeitet sie bei einer Lampe? Das thut doch der Künstler nicht gern. Warum geht der Genius nackt, da er doch einen Mantel zierlich über dem Arm hängen hat? Warum sitzt zu seinen Füßen eine Eule? Was dem einen Re Uhl ist, ist dem andern eine Nachtigall. Uns wenigstens versinnbildlicht die Nachtigall die Kunst viel lebendiger, als den Griechen ihre Eule. Und würde man einen vollkommen gebildeten und klugen Menschen, der nur das griechische Altertum nicht kennen gelernt Hütte, vor dieses Relief hinstellen und ihn um seine Erklärung fragen, so würde dieser vermutlich antworten: es stellt einen Küchenherd vor, an welchem ein dichtender Blaustrumpf darüber nachdenkt, wie eine Eule am wohl-