Heft 
(1889) 41
Seite
676
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Deutschland.

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die Blicke von dem eigenen, eng begrenzten Horizont hinweg ans die Welt da draußen und somit auf die Entwickelung der menschlichen Gesittung auf den außereuropäischen Kontinenten gelenkt haben. In die Reihe dieser Forscher und Entdecker, deren kulturgeschichtliches Verdienst häufig gegenüber ihren zu­nächst in die Augen fallenden geographischen Erfolgen vergessen wird, gehört in erster Linie Adolf Bastian, der Altmeister der deutschen Ethnologie, Direktor des hauptsächlich durch seine rastlose Agitation erstandenen großartigen Museums für Völ­kerkunde in Berlin. Man könnte zweifeln, ob sein Bild als Mensch oder als Gelehrter den Vorzug verdient; so viel ist aber gewiß, daß niemand, der jemals das Glück persönlicher Berührung oder gar längeren Umganges mit diesem seltenen Manne gehabt hat, den Zauber dieser eigenartigen Persönlich­keit vergessen wird. Schon an der Schwelle des Greisenalters stehend (Bastian ist 1826 geboren), merkt man ihm die Last der Jahre so wenig an, daß es einem Neuling schwer füllt, dein übersprudelnden Strom seiner geistreichen Unterhaltung in ihren blitzartigen Wendungen und überraschenden Einfüllen zu folgen. Ein anderes unbestechliches Zeugnis für die Rüstigkeit seiner Natur ist übrigens der Umstand, daß er noch im vori­gen Sommer, nachdem er so oft und nach so verschiedenen Richtungen unseren Planeten durchkreuzt, abermals den Wan­derstab ergriffen hat, um zunächst die eentralasiatischen Steppen zu durchforschen und einem weiteren geheimnisvollen Zweck zu genügen, der aber bislang noch nicht klargestellt ist. Doch suchen wir uns zuvor den freilich an äußeren, glänzenden Triumphen armen, dafür aber an wissenschaftlichen Errungen­schaften überreichen Lebenslauf unseres schlichten Gelehrten in kurzen Zügen zu vergegenwärtigen.

Bastian ist in der alten Hansestadt Bremen am 26. Juni 1826 geboren als Sohn eines nicht unbegüterten Kaufmannes. Nach Absolvierung seiner Schulzeit besuchte er als Mediziner die Hochschulen Berlin, Jena und Würzburg, während er in Heidelberg juristischen Studien oblag ein Umstand, der ihm bei der Beurteilung der häufig so verwickelten Rechtsver­hältnisse bei manchen Naturvölkern späterhin sehr zu statten kommen sollte und vollendete dann seine fachmännische Ausbildung als I)r. ineä. in Prag. Jetzt begann er (im Jahre 1851) mit seinen weltumspannenden Reisen, worin ihm kein anderer der vielen kühnen Entdeckungspioniere unseres Jahrhunderts bislang gleichgekommen ist, zunächst als Schiffs­arzt auf einem Segelboot nach Australien, und dann im bun­ten Zickzack über alle Erdteile hin und her während voller fünfundzwanzig Jahre. Es würde ermüdend sein, wollten wir an dieser Stelle alle die einzelnen Stationen mit statistischer Genauigkeit aufzühlen; wir begnügen uns statt dessen, als typi­sches Bild aller anderen Fahrten die erste auf sieben Jahre sich erstreckende Weltumsegelung hier zu schildern. Von Syd­ney stattete der junge Gelehrte den Goldfeldern einen Besuch ab, um nach einem kurzen Abstecher nach Asien (Philippinen und dem chinesischen Hafen Amoy) wieder Neuseeland aufzu­suchen; dann wurde der amerikanische Kontinent durchforscht und zwar in folgenden Etappen: Valparaiso, Lima, Cuzko, Arequipa, Titicacasee, Panama, St. Thomas, Havana, New- york, Neworleans, Veracruz, Puebla, Hochland von Mexiko, St. Francisco; zurück nach Asien über Hongkong, Singapore, Kalkutta, den Ganges aufwärts, Bombay, über den Persischen Golf nach Bagdad (Ninive), Aleppo, Damaskus, Jerusalem, Joppe, Smyrna, Konstantinopel. Endlich nach einem flüch­tigen Besuch Europas in Athen, Triest und Neapel wurde wieder der Kurs nach Afrika genommen, von Alexandrien den Nil aufwärts gefahren nach Oberügypten, über Koseir, Djedda, Mokka, Aden westwärts nach San Salvador, Senegambien und Madeira gesteuert, bis in Lissabon wieder der europäische Boden betreten wurde. Aber statt des nächsten Heimweges wühlte Bastian (wie auch später noch häufig) einen möglichst weiten Umweg, nämlich über Spanien. Frankreich, England, Schweden und Rußland, bis er endlich im Jahre 1858 in seiner Heimatstadt wieder eintraf. Diese rastlose Wanderschaft

wiederholte sich, wie schon bemerkt, bis znm Ende der sieben- ziger Jahre, so daß es den wißbegierigen Forscher auch dann nicht auf die Dauer in Deutschland duldete, als er mit der Verwaltung der Ethnologischen Abteilung der Königlichen Mu­seen in Berlin betraut 'wurde. Daß die Gründung der Afri­kanischen Gesellschaft, die an der Erschließung des dunklen Erdteils einen so hervorragenden Anteil hat, nur wesentlich mit ans seine Veranlassung geschehen konnte, ebenso wie die Konstituierung der Gesellschaft für Ethnologie, Anthropologie und Urgeschichte (mit ihrer gleichnamigen Zeitschrift), daß über­haupt von ihm gerade die Förderung der Aufgaben und In­teressen der vergleichenden Völkerkunde auch in verhältnismäßig fernstehenden Kreisen ausging, erwähnen wir nur nebenher: seine eigene akademische Thütigkeit (er hatte sich im Jahre 1873 in Berlin als Privatdocent der Ethnologie habilitiert), die er übrigens auch schon längere Zeit eingestellt hat, will dagegen wenig besagen.

Ist es nun allein diese unermüdliche Wanderschaft, diese rein geographisch-topographische Thütigkeit, welche Bastians Verdienst um seine Wissenschaft begründet? Durchaus nicht, sondern mit dieser riesigen Sammelarbeit in allen Winkeln des Globus verbindet sich bei ihm eine geradezu einzigartige Pro­duktion, eine Schriftstellerei, die nirgends ihresgleichen hat, so daß seine Werke (abgesehen von den tausend und abertausend in alle Winde verstreuten Abhandlungen) schon eine ganz an­sehnliche Bibliothek ausmachen. Und das gerade betrachten wir als den bleibenden Gewinn dieses ganzen geistigen Schaf­fens, daß seine Werke noch für Generationen hinaus eine un­erschöpfliche Fundgrube für die Probleme der Völkerkunde bil den werden; sie sind die reichhaltigen Archive, aus denen ein jeder, ohne Unterschied des besonderen Standpunktes, den be­lehrenden Einblick gewinnen kann in die Entwickelung des gei­stigen Wachstums der Menschheit. Es kann uns nicht an dieser Stelle zugemntet werden, einen erschöpfenden Bericht über die leitenden Grundsätze zu liefern, uach denen unser Ge­währsmann seinen schier unendlichen Stoff gliederte; aber unsere Skizze würde anderseits unvollständig sein, wollten wir nicht wenigstens mit kurzen Worten Methode und Prinzip der ethnologischen Forschung im Sinne Bastians schildern. Jene kennzeichnet er selbst treffend mit der naturwissenschaftlichen Psychologie, welche an die Stelle der alten, lediglich ans meta­physischer Anschauung errichteten zu treten habe. «Die Psycho­logie (so erklärt er) darf nicht jene beschränkte Disciplin bleiben, die mit unterstützender Herbeiziehung pathologischer Phänomene, der von den Irrenhäusern und durch die Erzie­hung gelieferten Daten sich auf die Selbstbeobachtung des In­dividuums beschränkt. Der Mensch als politisches Tier findet nur in der Gesellschaft seine Erfüllung. Die Menschheit, ein Begriff, der kein Höheres über sich kennt, ist für den Ausgangs­punkt zu nehmen, als das einheitliche Ganze, innerhalb welches das einzelne Individuum nur als integrierender Bruchteil figu­riert. . . . Der innere Organismus des philosophischen Wer­dens kann einzig in der Psychologie erkannt werden, der Psychologie, die nicht allein die Entwicklung des Individuums, sondern die der Menschheit verfolgt, die sich aus der Basis der Geschichte bewegt.» (Der Mensch in der Geschichte. I. Vorwort S. 11.) Diese Idee aber, trotzdem sie von der Philosophie schon berührt war man denke nur an die Völkerpsycho­logie, war doch für die eigentliche Völkerkunde eine voll­ständig originelle, und es bedurfte der ganzen rastlosen Energie und anderseits des riesigen Beweismaterials, über das ja Bastian in ausreichendem Maße gebot, um jene Auffassung keine leere Formel sein zu lassen, sondern ihr zur That und Wahr­heit zu verhelfen. Diese induktive Erforschung des geistigen Wachstums unserer Rasse, frei von allen dialektischen Spitzfin­digkeiten und Vorurteilen der Schule, lediglich den Thatsachen der Erfahrung entsprechend, konnte aber erst unter einer ande­ren, soeben schon berührten Voraussetzung wirklich fruchtbrin­gend werden, unter der Voraussetzung nämlich, daß die eigent­liche Aufgabe der wissenschaftlichen Untersuchung nicht der ein-