Heft 
(1889) 41
Seite
677
Einzelbild herunterladen

41.

zelue Mensch bildet, sondern seine soziale Existenz als solche, wie sie sich in allen großen Manifestationen des Geistes in Sprache, Religion, Recht, Sitte und Kunst offenbart. Es ist zum Schaden einer nüchternen Prüfung der Thatsachen sehr zu bedauern, daß die alte Rousseansche Fabel von dem isolierten Dasein des Homo sapieris neuerdings in manchen naturwissen­schaftlichen populären Darstellungen ihre Auferstehung gefeiert hat, denn sie ist eben ein mythologisches Produkt einer schwär­menden Phantasie, und der so viel beregte Urmensch, dessen Gefühle und Empfindungen samt seinen unbeholfenen technischen Verrichtungen eine gewisse vertrauensselige Richtung unserer modernen Anthropologie ganz genau zu kennen vorgiebt, sollte wirklich sich wieder zu den Toten legen. Von solchen phan­tastischen Anwandlungen hat sich Bastian Zeit seines Lebens immer frei gehalten, umgekehrt ist er sogar fortwährend be­müht, den extravaganten und nichts weniger wie exakten Folge­rungen der Deseendenztheoretiker entgegenzutreten, so daß er z. B. einen harten Strauß mit Häckel auszufechten hatte. Des­halb stellt er auch überall diesen sozialen Gesichtspunkt in den Vordergrund, es ist der Völkergedanke nach seinem Ausdruck, der die ganze Anschauung beherrscht und von dem aus erst das richtige Verständnis für alle geistigen Schöpfungen des menschlichen Geistes gewonnen werden kann. Dieser vergleichen­den Handhabung des ungeheuren Materials, wie es heutzutage dem Forscher vvrliegt und wodurch wir erst das allgemein menschliche Naturell feststellen können, steht gegenüber die spe­zifische Besonderung dieses generellen Typus in den einzelnen mehr oder minder originellen Kulturphaseu, in denen wir die sogenannte Weltgeschichte verlausen sehen. Diese Variationen der menschlichen Rasse nennt Bastian geographische Provinzen, weil in ihnen, zunächst durch eine Reihe von äußeren (klima­tischen, Physikalischen, zoologischen u. a.) Gründen, diese Ent­wicklung zu topographischen und ethnographischen Isolierungen geführt hat.

Das ist in großen Zügen das Ziel, dem die staunens­werte Arbeit unseres Gewährsmannes seit vier Deeennien etwa rastlos zustrebt; die Aufgabe hier im einzelnen erörtern zu wollen, die Leistungen Bastians auf allen Gebieten seiner Wissenschaft aufzuzählen, wie er unschützbare Kleinodien (z. B. in der polynesischen Mythologie, der buddhistischen Psycho­logie, der amerikanischen Altertumskunde u. s. w.) der Ver­gessenheit entrissen hat, das würde uns hier selbstredend zu weit führen; nur nebenbei bemerken wir, daß man über diese epochemachenden Errungenschaften die kleinen Mängel vergessen sollte, die eine nörgelnde Kritik immerfort an dem losen, un­systematischen Stil des Altmeisters herauszufinden sich bemüht. Mit welchen Schwierigkeiten aber der junge Forscher zu ringen hatte, als er daran ging, die neuentworfene Idee seiner Wissen­schaft nach festen Prinzipien anszugestalien, das mögen seine eigenen Worte veranschaulichen, mit denen wir diese Skizze schließen: «Fern von Europa und lange Zeit beschränkt im sprachlichen Verkehr keimten die hier niedergelegten Ideen (es handelt sich um das Erstlingswerk des Verfassers: Der Mensch in der Geschichte) unter Anschauung der mannigfaltigen Ver­hältnisse, in welchen die Völker auf den Erdball zusammen- lebeu. In der Stille der Wüsten, auf einsamen Bergen, in Zügen über weite Meere, in der erhabenen Natur des Südens reiften sie im Laufe der Jahre empor und schlossen sich zu­sammen in ein harmonisches Bild. Wohl bekannt mit den verschiedenen Zweigen der Litteratur, habe ich mich zunächst be­müht, die in den Schulen aufgenommenen Dogmen auf der Tafel des Gedächtnisses zu verwischen. Erst wenn das aus einer rein objektive!: und so viel thunlich vorurteilsfreien Be­obachtung erwachsene Produkt jene bestätigte, von selbst zu ihnen führte, hieß ich sie aufs neue als berechtigtes Glied in die Borstellungsreihen wieder eintreten. In unserer Gegenwart des lebendigen Gedankenaustausches aber muß jedes allzulange Isolieren zur Einseitigkeit führen, und ich würde bei sorg­samerem Ueberarbeiten gefürchtet haben, selbst in den Fehler des Thevretisierens zu verfallen, Systeme aufzustellen, die

Seite 677.

immer nur falsche und unglückliche Halbheiten bleiben, wenn sie in dem Kopfe eines einzelnen, aus dem Sparren, der in dem Kopfe der Autoren steckt, zusammengezimmert werden, da sie organisch nur aus den sich rektifizierenden Diskussionen der Litteratur erwachsen können.»

Die Nasemnüustrie in Bulgarien.

Bon

Merc<ator.

Noch ist sie, die blühende köstliche Zeit, Noch sind sie, die Tage der Rosen.

((^^as diesem Aufsatz Vorgesetzte Dichterwort kam mir niuvill- kürlich in den Sinn, als ich zum erstenmal in die Roseu- süle der jüngsten Gartenbau-Ausstellung trat und von dem Rosenwalde umgeben war. War doch der Vers mir zu­gleich mit der liebste aus der Rosenzeit des Lebens, wo wir ihn so oft gesungen. Vorüber, vorüber!! Der Duft aber aus jenen Rosentagen ist so echt, daß er nimmer verfliegt, wie echtes Rosenöl ja auch bis in die Ewigkeit hinein fast seine Spuren zurücklüßt.

Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß ich am gleichen Tage von befreundeter Seite, mit der ich durch ge­meinschaftliche Roseusympathieen besonders verbunden bin, eine Broschüre zugesaudt erhielt, welche den Titel dieses Aufsatzes trug und die mich um so mehr fesselte, als sie einmal nicht im Buchhandel erschienen, sondern leider nur als Manuskript gedruckt ist, und als sie ferner eine außerordentliche Menge originaler Mitteilungen bringt, die sowohl dem Rosenzüchter, der einen Garten sein eigen nennt, wie demjenigen, der der Kö­nigin der Blumen nur auf dein Altar eines Fenstererkers hul­digen kann, und ganz allgemein jedem Freunde dieser Schönsten unter den Schönen Interesse abgewinneu dürften. Ursprünglich französisch abgefaßt, ist die Schrift nunmehr auch ins Deutsche übertragen.* Ihr Erscheinungsort ist Kasanlik in Bulgarien, und ihr Zweck vor allem wohl gewesen, in Frankreich, als einem ebenfalls Rosenöl produzierenden und konsumierenden Lande, die Aufmerksamkeit erneut auf die Hauptproduktions­stätte desselben hinzulenken.

Zunächst ist zu bemerken, daß thatsüchlich in Bulgarien ganze Provinzen von der Rosenkultur geradezu leben, und wie bei uns der Wohlstand der Landwirte von günstigen Weizen-, Roggen- und Weinernten abhüngt, so dort von dem Gedeihen der Rosen. Nicht weniger als über hundertfünfzig Orte nennt allein das vorliegende Buch als solcher Heimstätten der Rose. Dieselben liegen fast sämtlich am Südabhaug des Balkan, wo sich die zwei Haupterforderuisse des Gedeihens dieser Blume und ihrer Industrie reichlich vorfinden: leichter, sandiger Boden und Wasserreichtum. Wo eines von beiden fehlt, fehlt auch in diesen Gegenden die Rose. Versuche, ihre Kultur weiter nach dem Norden, d. h. mehr diesseits des Balkan zu ver­pflanzen, sind mißlungen, und liegt die derselben gewidmete Gegend etwa vierhundert Meter über dem Meeresspiegel mit teilweise sehr wechselndem Klima: zwanzig Grad Külte und vierzig Grad Wärme (Celsius) sind nichts Ungewöhnliches.

Was nun die Arten angeht, aus denen das Rosenöl ge­wonnen wird, so ist es fast nur die rote Rose, und zwar die ro8a äuinu8oo6ilU) die gepflanzt und verwandt wird iden­tisch mit der alten ro86 <lo lsiuomix. Auch finden sich weiße Pflanzungen, aber nur in den geringeren Lagen, weil die un­gleich weniger aromatische weiße Rose widerstandsfähiger ist, und außerdem als Begrenzungen an den Rainen, um die Äcker voneinander zu trennen und der Beraubungslnst der Passanten

*Die Rosenindustrie in Bulgarien." Bon Christo Christost.

Deutschland.