Heft 
(1889) 41
Seite
678
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Leite 678.

Deutschland.

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nur minderwertiges Material darzubieten. Die Pflanzungen selbst bestehen nicht aus einzelnen Stöcken, wie bei den Wein­bergen, sondern ans großen parallelen Hecken in einer Aus­dehnung von bisweilen hundert Metern, über Münnergröße, eine von der andern ungefähr zwei Meter entfernt. Eine solche Plantage wird folgendermaßen angelegt: Man legt im Oktober oder November horizontal in Graben von vierzig Centimeter Breite ans ebensoviel Tiefe ganze Zweige mit Blättern von alten Rosenstöcken, und zwar zu vier oder fiinf nebeneinander. Alsdann schüttet man einen Teil der Erde auf diese Ruten, legt obenauf eine geringe Schicht Dünger und bewässert, wenn möglich, diese hergerichtete Pflanzung. Im April zeigen sich dann die ersten Schößlinge, und nach mehrmaligem Jäten wird im November der übrige Teil der Erde auf die Wurzeln ge­legt, worauf alsdann im nächsten Frühling der einzelne Stock bereits einige Blüten bringt. Im zweiten Erntejahre beginnt der regelmäßige Ertrag, dessen Maximum im fünften Jahre erreicht wird; und wenn man den Stock regelmäßig beschneidet und die Zweige oft bis auf den Boden ab schneidet, so giebt die Hecke Ernten bis in ihr zwanzigstes Jahr hinein. Häu­figes Lockern der Erde, Düngen, Bewässern und Reinhalten von Unkraut und trockenem Holz sind die Vorbedingungen günstiger Resultate. Auch empfiehlt es sich, kurz vor der Blüte noch einmal besonders den Boden zu lockern. Außerdem werden die Zwischenräume zwischen den einzelnen Hecken mit Ochsen gepflügt.

Die Blütezeit selbst fällt nun in die Zeit von der zweiten Hälfte des Mai bis znm Anfang des Juni also etwa vier Wochen früher wie bei uns. Durchschnittlich rechnet man auf den Zweig sieben Blüten, doch kommen auch bis zu dreizehn vor die in Dolden Zusammensitzen; der Ertrag der weißen Blumen ist etwas geringer. Das beste, was der Züchter sich wünschen kann, ist möglichste Kühle für die Ernte, welche als­dann eine möglichst lange Blütezeit zur Folge hat. Denn diese ist deshalb so notwendig, weil sich bei großer Hitze die sämtlichen Knospen fast gleichzeitig entwickeln und eine regel­rechte Ernte sowohl wie Destillation, ans die wir später kom­men, nicht zulassen. Die Balkanrosen sind derartig empfind­lich, daß sie in einem Tage verblühen oder wenigstens so anf- bliihen, daß sie Aroma, d. h. zu gewinnendes Ol nicht mehr besitzen. Tagaus tagein wird daher geerntet, indem von Sonnenaufgang bis gegen neun Uhr früh alles an Knospen und Blüten, was eben gerade aufgebrochen ist, von den mei­stens die Ernte besorgenden Frauen abgeschnitten wird. Die zweite Bliite im November ist für die Industrie wertlos. Ein einziger Reif im April, ein Reif in der Frühlingsnacht, kann die gesamte Ernte von Grund aus vernichten; desgleichen auch lange Trockenheit, da dann ein besonders gefährlicher Wurm sein Unwesen in der Rinde der Stöcke treibt.

Der Ertrag der Rosenfelder nun ist bisweilen ein außer­ordentlich reicher, und man begreift die Schilderungen von ver­zückten Reisenden, welche zu solcher Blütezeit in diesen Gegen­den weilen: ist doch thatsüchlich alsdann das ganze Land einem einzigen Teppich vergleichbar, der nur aus blühenden Rosen gewoben erscheint. Der durchschnittliche Ertrag eines Hektars und das wird dies Bild als nicht übertrieben erscheinen lassen betrügt nämlich dreitausend Kilo Rosen, und da wie­derum durchschnittlich tausend Rosen ein Kilogramm Blätter geben, so kann man sich bei lebhafter Phantasie ein ungefähres Bild von dem berauschenden Anblick machen, den das Land zu dieser Zeit bieten muß, und von dem berückenden Duft, der die ganze Atmosphäre durchtrünkt. Die Rosen werden in Säcke gethan und möglichst bald an den Ort gebracht, wo die De­stillation vorgenommen wird.*

Eine lange Zeit und von der Wissenschaft äußerst be­strittene Frage war es nun, wo denn eigentlich der wirklich

* Daß die Phantasie den Herrn Verfasser nicht zu weit geführt hat, ist uns noch kürzlich von einem Herrn, der dienstlich jene Gegenden bereist hat, und zwar in diesem Jahre, versichert worden; derselbe hat nur das Wortmärchenhaft" für diesen Anblick.

duftende Teil in der einzelnen Rose, dasriechende Prinzip" zu suchen sei. Seit den Untersuchungen des Dr. Blondel scheint jedoch diese Frage gelöst zu sein. Nach Blondel sitzt dieses riechende Prinzip" in den Blütenblüttern, und ist es dieselbe Substanz, welche auf dem Wege der Destillation alsRosenöl" gewonnen wird. Daneben sollen auch die Kelchteile einen ge­wissen Geruch besitzen, und zwar die grünen Teile desselben, jedoch kommt dieses Parfüm für den eigentlichen, oder, wie er genannt wirdklassischen" Rosengeruch nicht in Betracht. Dasklassische" Parfüm also sitzt besonders in den nur mikroskopisch sichtbaren Häutchen der beiden Seiten des BlüteMattes, und neben demselben findet sich darin eine an­sehnliche Menge Tannin, die bisweilen so groß ist, daß ein sei­ner Geschmack dasselbe selbst bei dem Kauen von Rosenblüttern deutlich wahrnehmen kann.

Es würde zu weit führen, auch die Prozedur des De­stillierens genauer zu schildern, und sei in dieser Beziehung deshalb nur folgendes bemerkt.

Wie für die Pflanzungen selbst, so ist auch für die De­stillation ein Haupterfordernis das Wasser, und der Mangel an diesem ist in einigen Distrikten und in trockenen Sommern so groß, daß die Bauern ihr Produkt an besser versorgte Gegen­den verkaufen müssen natürlich mit wesentlichem Schaden. Die Destillation findet statt in großeil Blasen, welche in Schup­pen oft primitivster Art ausgestellt sind, und der dazu benutzte Apparat selbst ist höchst einfach: er besteht ans einer großen Knpserblase. Die etwa anderthalb Meter hohe Blase wiederum hat drei Teile: einen Aufnahmebehälter (Re­zipienten), welcher auf dem Feuer steht, einen Kopf mit einem ziemlich engen Ausgangsrohr, in welches die Kühlschlange ein­geführt wird, und endlich die Kühlschlange selbst, die durch einen mit möglichst kaltem Wasser gefüllten Bottich läuft, der, wenn irgend thunlich, fortwährend frischen Zufluß erhält. Die Kühlschlange selbst wird in eine Flasche von etwa fiinf Liter- Inhalt geleitet, um den verdichteten Dampf in derselben wieder niederzulegen. Jeder Rezipient erhält zehn Kilo Rosen auf fünfundsiebzig Liter Wasser, und die Prozedur ist zu Ende, nachdem zehn Liter Wasser durch die Rosen hindurch destilliert sind. Ans diesem Rosenwasser wird nun das eigentliche Ol auf folgende Weise gewonnen: Man destilliert dasselbe noch ein­mal, und zwar derart, daß aus je acht Flaschen oder vierzig Litern nur eine Flasche mit fünf Litern Rosenwasser gewonnen wird, in welchem das ganze Ol noch gebunden ist. Nachdem der Inhalt sich geklärt hat, schwimmt das Ol in einer Schicht von zwei bis vier Millimeter Dicke oben ans der Oberfläche im Halse der Flasche, und wird dasselbe nun ganz vorsichtig durch eine Art Trichter abgeschöpft und konzentriert gesammelt.

Das reine Rosenöl, wie es von der Destillierblase kommt, ist von gelblicher Farbe. Seine Konsistenz wechselt mit der Temperatur und besteht es chemisch aus zwei Teilen: dem eigentlichenriechenden Prinzip" und dem geruchlosenStea- ropten," das ist eine Kohlenwasserstoffverbindung, welche bei fünfzehn Grad Reaumur fest wird,gefriert." Dieser Punkt des Gefrierens des Öles ist zugleich das Kriterium für die Verfälschung resp. den Grad derselben. Je mehr Ersatzstoffe dem Produkt zugesetzt sind, desto tiefer sinkt der gedachte Ge­frierpunkt; aber auch hier ist es heute bei den Fortschritten der Chemie außerordentlich schwer, den Grad der Verfälschung thatsüchlich festzustellen, und verlohnt es sich, diesem höchst interessanten Kapitel der' Verfälschung etwas näher zu treten.

Die gewöhnliche Annahme nun, daß das Rosenöl stark mitGeraniumöl" versetzt werde, ist unrichtig; früher war das wohl der Fall heute verwendet man dazu vielmehr fast ausschließlich Palmarosaöl, das in Indien erzeugt wird und dann nach Konstantinopel geht, wo die hauptsächlichste Ver­fälschung stattfindet, nachdem bereits, wie wir gleich sehen wer­den, an der Prodnktionsstelle selbst eine solche fast regelmäßig vorgenommen worden ist. Die Verfälschungsprozednr wird entweder in der Weise beliebt, daß der Produzent beide Essenzen direkt mischt, oder aber dadurch, daß er die Rosen vor der De-