Heft 
(1889) 41
Seite
680
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Seile 680.

Deutschland.

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stimmt und eine Ahnung innerer Verwandtschaft der Seelen erweckt. Auch Staaten und Völker, auch Reiche haben einen solchen eigenen Duft, einen solchen wesentlichen Geruch. Ob man vom Deutschen Reiche ans nach Frankreich oder nach Rußland über die Grenze kommt, ob der Bewohner dieses Lan­des nach Italien hinabsteigt, es ist, wenn man die Grenze hinter sich hat, sehr bald, als ob eine andere Luft hier wehe, nicht bildlich gesprochen, sondern in des Wortes eigentlichem Sinne. Es herrschen andere Gerüche.

Niemals habe ich, sei es von Bayern oder von Sachsen aus, die österreichische Grenze überschreiten können, ohne daß ich etwas ahnte, spürte und in den Lüften witterte, das mich anheimelte, behaglich stimmte und schier traulich berührte. Lange habe ich mir nicht zum Bewußtsein gebracht, was es nun eigent­lich war, das mich so stimmte; aber als ich neulich durch Bo­denbach kam und ans einem Hause ein starker Duft nach Wiener Kaffee, untermischt mit dem Geruch von gebackenen Hähnchen nnd noch einigen anderen Gerüchen, mir entgegenschlug, da wußte ich ganz genau: hier ist Österreich, hier muß es sein. Genau so hatte es in Salzburg gerochen, genau so roch es in Innsbruck in dem alten Gasthofe am Ufer des Inn, und genau so war mir auch zu Mute gewesen, als ich mich einst in Wien in der inneren Stadt verlaufen hatte und an einen: Markt, wo die Fiaker hielten, in eine Erfrischungsstube ge­raten war, wo die Kutscher Kaffee, Wein, gebackene Geflügel­stückchen nnd andere behaglich riechende Dinge schmausten. Das ist der unnennbare Zauber des österreichischen Küchengeruches, der dies große, mächtige Reich beherrscht, der Seelengeruch, der Naturdunst, der wie eine unsichtbare Witterung in den Lüften liegt und mir immer die Empfindung erweckt, als sei ich in das wahre Schlaraffenland geraten, wenn die schwarz­gelben Grenzpsühle hinter mir liegen. Nirgends ist der Unter­schied der Küchengerüche größer, als gerade da, wo von alters her die nächsten Stammesverwandten Hausen, an der bayrischen Grenze. Es ist derselbe Volksstamm, der hier das Bayerland und das Salzburger Land bewohnt; wie lange ist es her, daß diese Lande auch staatlich vereinigt waren! Und doch bringt der Unterschied der Lebensweise, kaum daß man die Grenze hinter sich hat, auch gewisse Unterschiede im Wesen der Be­völkerung hervor. Noch in Reichenhall fühlt man sich voll­ständig bayrisch gestimmt; noch giebt es Kalbsbraten, halb in Wasser gebraten von allzu jungem Fleisch, noch giebt's Kalbs­köpfe, Kalbshaxen und vor allem das schwere Mer des Bayer­landes. Und führt man mit dem Wagen in einem Stündchen hinüber nach Salzburg, so fühlt man sehr bald über die Straßen einen feineren Duft wehen; Wiener Küche ist's, die bereits hier sich für jede geübte Nase ankündigt, und mit der anderen Küche wird der Menschenschlag ein anderer.

Selbst der salzburgische Bauer ist ein anderer Mann, als sein bajuwarischer Stammesgenosse drüben über der Grenze. Er ist rauher, und selbst, wenn er kurz und dick ist, er hat eine feinere Haut, als der stämmige Bayer. Auch die Troddel, die blöden, verwachsenen Dickhülse, die man im bayrischen nicht so leicht sieht, nehmen überhand, ähnlich wie in Böhmen. Ich habe mich stets darüber gewundert, wie viel im Durchschnitt gesprochen größer, grobhäutiger, derber der eigentliche Bayer ist gegen den Salzburger; ganz gewiß ist vor allem die Nah­rungsweise, gleichzeitig aber auch das Klima hierbei die Ursache. Denn wie schon der Münchener vierhundert Fuß höher als der Salzburger wohnt auf der rauhen Hochebene mit ihrer scharfen, kräftigen Luft, während es auf österreichischem Gebiete zusehends milder wird, so bringt auch die Nahrungsweise des Bayers mit seinem derben Bier, mit seinen Schmarren nnd Kalbsschüdeln, die er auftrügt, als kämen sie aus dem Bein­haus, während er die gebratenen Kalbsaugen ans dem Schädel herausbohrt nnd verzehrt oder eine halbroh gebratene Milz­wurst mit größtem Genüsse speist eine rauhere Erscheinung hervor. Der österreichische Bajuware dagegen trinkt die leich­teren böhmischen und Wiener Biere, und was er ißt, das hat die Küche sorgfältiger gehackt, durchgebraten nnd mit feineren

Ölen und Gewürzen weit kunstreicher angemacht. Er braucht schon die Kaumuskeln nicht so anznstrengen wie sein Stammes­bruder über der Grenze, und so scheinen sie auch weniger ent­wickelt. Auch genießt der Städter und Bauer manche Frucht, welche dem Bayern versagt sind; der Genuß von Früchten aber macht alles Menschenfleisch feiner. Bald nachdem man über die Grenze hinüber ist, sieht man Maisfelder, ja, Weingelände gedeihen, und weiter ins Land hinein herrscht der Segen von Früchten, die oben auf der bayrischen Hochebene nur kümmer­lich reifen.

Denn Österreich, das ist für den Deutschen aus dem Reiche das Land, wo die Welt schöner wird, die Berge höher und die Thüler reicher scheinen, ganz einerlei, von wo aus man nieder- steigt nach den uralten Ansiedelungen des Ostens. Denn nie­dersteigen muß inan fast überall ins gesegnetere Land, einerlei, ob man vom Erzgebirge nach Böhmen hineinschaut oder von den rauhen Kalkkümmen Bayerns ins Innthal hinabkommt. Auch nach Salzburg geht's abwärts, wenn man's vielleicht auch weniger merkt, und der lange Wall und Urwald des Böhmerwaldes macht auch, daß man niedersteigen muß ins Ostland. Und es ist merkwürdig, wie überall in diesen Grenz­gebieten auf deutscher Seite im Reiche die kärglichere Natur, die armseligere Bevölkerung wohnt, während über der Grenze auf einmal in den milderen Stromthülern anch sinnliche Be­haglichkeit mit der üppigeren Natnr sich verbreitet. Wandert man oben auf den Höhen des Erzgebirges über die Moor­wiesen, die kahlen Hügel in der scharfen Luft, so ahnt man kaum, daß man, wenn man etwa nach den Nollendorfer Höhen hinauskommen wird, plötzlich in ein Land niederschauen darf, wo unten am Fuße der Berge die echte Kastanie gedeiht nnd ein Reichtum der Saaten und der Obstbüume herrscht, der wahrlich das Böhmerland, trotz derböhmischen Dörfer," zu einem Paradiese macht. Ähnlich ist's, wenn man ans den ärmeren bayerischen Gebirgsgegenden ins lachende Innthal hin­abkommt und hier den größeren Segen der Fluren erblickt.

Idyllischer scheint alles, idyllischer, sorgloser auch das Nebeneinanderleben der Menschen in den Städten und Dör­fern. Wo man auch deutsch-österreichische Städte betreten mag, sei's im Salzbnrgischen oder im Erzherzogtum, sei's an der sächsischen Grenze hin: überall hat man die Empfindung, als sei es ans den Straßen sozusagengemütlicher," die Menschen scheinen mehr auf der Straße zu leben, sitzen häufiger vor ihren Häusern, schwätzen an den Brunnen und halten häufiger auf offener Straße feil. Und ganz gewiß weist dies alles weit weniger etwa auf das Wesen der Bevölkerung hin, denn wir werden sehen, daß die Bevölkerung fast überall im Grunde dieselbe ist wie drüben über der Grenze im Reiche, sondern auf ein Staatswesen, auf eine bestimmte öffentliche Ordnung, auf Sitten und Gebräuche, die von einem Mittelpunkte aus­zugehen scheinen, wie die Kochkunst dieses Reiches im ganzen weit einheitlicher ist, als im nordischen Deutschen Reiche. Denn in allen deutsch-österreichischen Gegenden herrscht in den Gast­höfen ganz unbedingt die Wiener Küche vor und erweckt eine einheitliche Lebensempfindung für den Reisenden, die so ein­heitlich ist wie die Empfindung, welche an allen Grenzen Öster­reichs der behagliche Beamte hervorbringt, der auf der Zoll­bank Dich Deinen Koffer öffnen und wieder zumachen heißt. Im Deutschen Reiche ist eine solche,, Einheitlichkeit der Küche durchaus nicht zu beobachten wie in Österreich. Hamburgische, rheinländische, bayrische, sächsische Küchen sind gerade so ver­schieden, wie die Völkerstämme als ein geeinigtes Volk ans einen Kaiser, aber viele Fürsten nnd Könige zugleich vertrauen.

Und so wird wohl auch das eigentümlich idyllische Bild, welches man in den meisten deutsch-österreichischen Städten zu haben glaubt, gerade deshalb, weil es in Karlsbad ganz das­selbe ist wie etwa in Salzburg oder in Innsbruck, auf irgend welche Markt- und Straßenordnungen sich zurückführen lassen, welche der Bevölkerung eine größere Beweglichkeit auf den Straßen gestattet, als in so vielen Gegenden des Deutschen Reiches, wo ja im ganzen die Straßen nur zum Begehen und