Heft 
(1889) 50
Seite
803
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Deutschland.

Seite 803.

50.

Sie wehrte sich sie jammerte-Du wirst es

bereuen!" rief sie aus.-

Und ich bereute es denn in demselben Moment, da meine Hand den Schleier herabzog, schien mir wieder die son­derbare Wandlung in meinem Innern sich zu vollziehen. Eine grenzenlose Ernüchterung bemächtigte sich meiner. Selbst ohne ihr Gewand war sie noch schön aber sonderbar sie fesselte, sie berauschte mich nicht länger! Ich hatte sie ge­nossen und nun begehrte ich sie nicht mehr; der Rausch, welcher sich meiner bei ihrem Anblick bemächtigt hatte, flog davon im gleichen Moment mit ihrem Gewände und statt seiner überkam mich eine fast stumpfe Gleichgültigkeit! Geh geh!" sagte ich zu ihr,wenn das alles ist, was Du mir zu bieten vermagst, so brauche ich Dich nicht."-

Sie schauderte zusammen unter meinen herzlosen Worten nnd Blicken und verschwand. -

Eine stand noch da, eine üppige, herrliche Gestalt. Ich trat auf sie zu. Sie blendete mich fast verwirrte meine Sinne. Jauchzend vor Lust warf sie sich in meine Arme. Mir gehörst Du!" rief sie unter bacchantischem Lachen.Ich bleibe Dir und Du bleibst mir! Mich wirst Du nicht fortjagen."

Ich tanzte länger mit ihr als mit allen anderen!

Ja, sie war wunderbar! Mit tausend süßen Lockungen nahm sie alle meine Sinne gefangen.

Wie heißt Du?" fragte ich endlich.

Ich bin der Genuß," rief sie frohlockend aus. Und triumphierend fügte sie hinzu:Bon mir kannst Du Dich nicht trennen!"

Fast glaubte ich's, fast wünschte ich's, daß sie recht be­hielte. Aber ich war kalt, stumpf und frech geworden!

Wir wollen sehen," rief ich wild. Herunter flog die Wolke. Und ich schüttelte mich vor Entsetzen!! Wo blieb nun die blendende Schönheit, der bestrickende Reiz von vorher? Mit der Rosenwolke zugleich war er abgestreift, und nun sah ich sie, so wie sie wirklich war! O, wie ver­lebt wie frech wie scheußlich wie geistlos war der Ausdruck ihres Gesichts! Wie aufgeschwemmt und widerlich ihre Gestalt! Ein Gefühl des plötzlichen Übelbefindens über­kam mich bei ihrem Anblick! Der Ekel schüttelte meine Glieder! Weg nur hinweg mit diesem Weibe, das mich von neuem mit verlangenden Blicken und Gebärden in seine Arme ziehen wollte.

Auch mit Dir bin ich fertig," rief ich aus, und aus dem Hintergründe hörte ich leise jammern und weinen.-

Die Reihe der rosenfarbeneu Gestalten war zu Ende. Ich blickte mich um.

Mit wem tanze ich nun?" fragte ich.

Mit mir!" antwortete eine furchtbare Stimme. Und ein schwarzgekleidetes, ein entsetzliches Weib trat auf mich zu.

Huh! Wie knochig, wie häßlich, wie fürchterlich, wie unheimlich war sie! Wie sie die großen, schrecklichen Zähne fletschte! Wie fest sie mich mit ihren Knochenarmeu umfaßte!

Ich tanzte mit ihr aber ich konnte mich eines Gru- selns nicht erwehren. Sie preßte mich so fest in ihre Arme so fest - der Angstschweiß perlte mir auf der Stirne

wie gerne wäre ich ihr entronnen!-

Wer bist Du, fürchterliches Weib?" rief ich voll Entsetzen.

Ich bin die Verzweiflung," antwortete sie grinsend,und mir bist Du anheimgefallen; denn von jenen allen hast Du nichts wissen wollen! Mir gehörst Du unwiderruflich; denn ich bin stärker als jene ich lasse mich nicht fortjagen ich lasse Dich nicht mehr los!"

Da ergriff mich eine rasende Wut.

Dir anheimfallen? Dir gehören, Du scheußliches Weib? Niemals!"

Und während wir tanzten, rangen wir miteinander. Es war kein Tanz mehr es war ein Kampf, ein stummes, wildes, wahnsinniges Ringen.

Auch hinter Dir steckt noch etwas anderes," rief ich aus, wahrend ihre Knochensinger mir die Brust zu zerfleischen suchten

ich bin davon überzeugt!"

Nein," keuchte sie, indem sie von neuem mich zu um­schlingen versuchte.Nein nichts! Aber mir gehörst Du,

mir allein."

Nie!" rief ich entsetzt,ich will Dich schon bemustern," und von neuem rangen wir miteinander; endlich warf ich sie zu Boden; in ohnmächtiger Wut fletschte sie die fürchterlichen Zähne. Aber als Sieger stellte ich ihr den Fuß auf die Brust und siehe zischend entfuhr derselben eine giftige Schlange!

Wenn sie Dich umringelt, gehörst Du mir für immer," stöhnte die besiegte Verzweiflung,-

Nachtschwarz ward's in meinem Herzen nachtschwarz ward's vor meinen Augen!! Aber mit einem glücklichen Griff packte ich die Natter, drückte sie zu Boden und zertrat ihr den Kopf.Wahnsinn" stand in großen Buchstaben auf ihrem Körper.

Auch seiner war ich Herr geworden!

Wutentbrannt entfloh die Verzweiflung.

Neben mir stand eine dürre, hohe, schwarze Gestalt. Es schien ein Mann zu sein. An der Sense, die er in der Hand hielt, erkannte ich ihn. Es war der Tod! Ihm gegenüber stand ein Weib mit unverhülltem Gesicht. Sie war nicht schön nicht häßlich; nicht verlockend nicht abstoßend; einfach reizlos, anmutslos, prosaisch, langweilig. Sie war weder in duftiges Rosa noch in schwermütiges Schwarz ge­kleidet sondern in ein häßliches, reizlos graues Gewand gehüllt. Leidenschaftslos, rnhig, ohne jede Erregung blickte sie mich an. Ah! mir graute vor ihr ich wußte nicht, wer sie war aber nein dann tausendmal lieber zu dem schwarzen Knochenmann mit der Sense. Er soll mich erret­ten!Dir gehöre ich," sprach ich, und trat auf ihn zu.

Mit nichten," antwortete er freundlich grinsend.Mir gehörst Du doch sowieso, aber erst später. Du hast Mut Du bist mit all den rosigen Engeln fertig geworden Du bist sogar Herr über die Verzweiflung geworden Du wirst auch noch mit jener dort fertig werden bis ich Dich hole!"

Mit der Grauen dort drüben?" fragte ich schaudernd.

Jawohl," nickte er bestätigend.Hättest Du die Ver­zweiflung nicht überwunden hättest Du Dich von ihr be­siegen lassen - daun wäre ich Dir zu Hilfe gekommen;

daun hätte ich Dich in meine Arme genommen und Dich er- errettet. Aber Du hast Mut; Du kannst und mußt Dich mit jener noch behelfen, bis ich Dich ihr entreiße. Sie wird Dich auch zur Wahrheit führen."