nel" gaben sich als Partizipierende an den öffentlichen Kunstbewegungen, ohne sich darin zu bewähren oder deinen Risiken in der literarischen Öffentlichkeit zu teilen. Die abgeschirmten Retorten-Verhältnisse entfalteten eine gruppenspezifische Literaturkritik, die die produktive Vereinspraxis nicht unberührt ließ. Neben dem Schu lungseffekt, der bei diesen Tätigkeiten nicht zu gering veranschlagt werden sollte, formierte sich ein Literaturverständnis (mit einem nationalen, politischen und poeto- logischen Gehalt), das in den 50er Jahren Auswirkungen auf die Aktionen des Rütli- Kreises haben sollte. Provinzialität und Borniertheit, die jede Abkapselung bewirkt, wurden ebenso begünstigt wie literarische Vorlieben und Neigungen in Stoff und Form. Hier wurde der Boden bereitet, auf den sich in den 40er Jahren Moritz Graf von Strachwitz, Scherenberg und bald darauf Fontane stellen konnten und der ein Jahrzehnt später die Öffnung zum literarischen Leben im Nachmärz-Preußen zum Erfolg werden ließ.
Die Absurdität, die mit diesen internen Erzeugnissen verbunden war, entkräftet das Gesagte nicht: sie wurzelt in dem Umstand, sich eben als „Repräsentant einer umsichtigen, vorurteilsfreien Critik" zu begreifen, dem an wachsendem Kunstniveau gelegen war — und gleichzeitig eigentlich alle am Kunstprozeß Beteiligten auszugrenzen. Man institutionalisierte die Kritik und war im selben Atemzug bereit, deren gänzliche Wirkungslosigkeit hinzunehmen. Vereinsintern wurde verhandelt, was vereinsextern erst einen Sinn macht. Wäre es zu einer Publikation gekommen, hätte sie sich eingereiht in die Durchschnittlichkeit ihrer Konkurrenten 78 . Am „literarischen Bürgerkrieg" 79 zwischen Gutzkow, Heine, Börne und Menzel hätte das „Literaturblatt" aller Wahrscheinlichkeit nach nicht teilgenommen.
Beide Blätter entsprachen in ihrer konzeptionellen Anlage durchaus auch dem Modell einer „Autorenzeitschrift" 80 . Leicht vergröbert betrachtet, waren Absender und Adressat identisch, wobei der Adressat eine doppelte Individualität verkörperte: die einer Person und die des Vereins. Mit dieser Organisation grenzte sich das Unternehmen als Ganzes von der Gestaltung vergleichbarer Projekte ab, die in ihrer Intention an das große, das „eigentliche" Publikum dachten. Weder „Literatur- noch Wochenblatt' definierten sich als diese Art Gegenöffentlichkeit. Von Subversivität, die jener eingeschrieben ist, war selbst hinter vorgehaltener Hand bis zum stillen Ende beider keine Spur.
7. Aktivitäten im Vormärz-Jahrzehnt
Die Konsolidierung in den dreißiger Jahren verfestigte die Vorstellung des „Tunnels", etwas geschichtlich Gewordenes zu sein. Als Fontane 1844 Mitglied wird, spürt er sowohl den Traditionssinn als auch den Charakter einer „in Blüte stehende (n) Dichtergesellschaft" 81 . Im Juli 1843 als Gast von Lepel eingeführt, konnte ihm der „Tunnel über der Spree" als „Treffpunkt für die Mehrzahl der Begabungen, die Berlin aufzuweisen hatte" 82 , erscheinen. Beinahe hätte es der Zufall gewollt, daß er Augenzeuge der letzten Begegnung zwischen dem Verein und seinem Stifter Saphir 83 geworden wäre.
Eine neue Generation, die sich auch erst einzurichten und heimisch zu fühlen begann, hatte im „Tunnel" Einzug gehalten. Das Jahr 1840, Jahr der Thronübernahme Friedrich Wilhelm IV., sorgte auch für Besinnung und Neuakzentuierung im kleineren Kreis. Mit Wilhelm von Merckel, Bernhard von Lepel, Werner Hahn und Christian F. Scherenberg (alle zwischen 1840 und 1841 in den Verein aufgenommen), um die wichtigsten zu nennen, kam es zu einer Umgruppierung besonderer Art. Sie hatte Folgen für die poetische Arbeit und die Rollenverteilung im „Tunnel". Was der Verein von nun ab produzierte, begann an Wert zu gewinnen. Niederschlag fand das nicht
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