Druckschrift 
Geschichte der Reformation in der Mark Brandenburg / Adolph Müller
Entstehung
Seite
311
Einzelbild herunterladen

gem, allmähligem Verlauf ſich reich entfaltet, weithin ausbreitet und in das Detail des Lebens ſich einbildet. Wenn daſſelbe ſo eine feſte außere Form erlangt hat, gebiert das ewig bruͤtende Innere wieder ein Neues, noch Edleres, welches denſelben Ver lauf nimmt, wie alle Lebensmomente, die ihm vorangegangen ſind. Dies Geſetz geiſtiger Entwicklung offenbart ſich auch in der Geſchichte der großen Kirchenreformation des ſechzehnten Jahrhunderts. Das neue Moment, in welchem der ewig ſchaf fende Geiſt hervortrat und eine reinere, entſprechendere Offenba rung und Erſcheinung ſeines Weſens fand, war die Wiederge burt der lauteren evangeliſchen Wahrheit im germaniſchen Volks geiſte, am reinſten und kraͤftigſten in Luther. Damit war als Aufgabe dieſer und der naͤchſten Generationen gegeben einerſeits das Paͤpſtlich⸗Katholiſche, dem das norddeutſche Volk in feinem religioͤz kirchlichen Leben entwachſen war, zu uͤberwinden, ande rerſeits den neuen Lebenskeim, die evangeliſche Wahrheit, wie fie durch Luther erkannt und ausgeſprochen war, zu völliger ge ſchichtlicher Entfaltung und Geſtaltung zu bringen. Es lag ſo wohl an dem Character Joachims II., wie an der damaligen Bildung ſeines Volks, daß Solches unter der Regierung dieſes Fuͤrſten in der Mark noch nicht vollſtaͤndig und allſeitig geſche hen konnte. In der Kirchenordnung Joachims, ſo wie im Volke ſelbſt waren mancherlei alte, katholiſche Elemente geblieben, welche, wenn die neue Wahrheit Alles durchdringen ſollte, unbedingt

A

vernichtet werden mußten. Der Nachfolger Joachims, Johann Georg, erkannte dies wohl, und wie er ſelbſt ſtreng lutheriſch erzogen und geſinnt war, ſo galt es ihm auch als eine Haupt aufgabe ſeines Lebens, die Reformation der Kirche ſeines Landes dem Glauben und den Grundſaͤtzen Luthers gemäß zu vollbrin­gen. Deshalb war es nach ſeinem Regierungsantritte ſein erſtes und wichtigſtes Geſchaͤft, eine neue Kirchenordnung abzufaſſen, die in Allem den kirchlichen Zuſtand der Mark dem durch Luther in Sachſen gebildeten gleichfoͤrmig machen und jede Spur katho liſchen Weſens in ſeinem Lande ausrotten ſollte. Bald nach ſei nes Vaters Tode berief er Andreas Musculus, der nach Johann

Agricolas Tode Generalſuperintendent der Mark geworden war,

von Frankfurt nach Berlin, um mit ihm und dem Domprobſte