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Geschichte der Reformation in der Mark Brandenburg / Adolph Müller
Entstehung
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335
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freilich auch allein die mogliche Groͤße des Menſchen, daß er die Forderungen der Zeit erkennt, und ſo gleichſam zum Schoͤpfer neuer Geſtaltungen wird, während dieſe doch aus allgemeinen geiſtigen Gruͤnden und von Eltern und Ureltern vorbereitet, nicht aus particulaͤrer Menſchlichkeit hervorgehen. Der große Kurfuͤrſt iſt der groͤßte Sohn ſeiner Zeit und ſeines Volkes, er iſt das nothwendige Ergebniß der Reformation Luthers, und wie die Franzoſen ihn Peleecteur par excellence nannten, fo iſt er noch vielmehr der proteſtantiſche Fuͤrſt par excellence zu nennen. Als Foͤrderungsmittel der Entwuͤrfe des großen Kurfuͤrſten und der geiſtigen Regſamkeit des maͤrkiſchen Volkes uͤberhaupt kann man die Miſchung und Durchdringung der germaniſchen und ſlaviſchen Volksthuͤmlichkeit anſehen, welche ſeit Albrechts des Bären Zeiten in unſerm Vaterlande ſtattgehabt hat. Denn wenn bei der urſpruͤnglichen Beſitznahme des weſtlichen Theiles der Mark auch wirklich die meiſten Slaven ausgerottet und deut ſche Coloniſten eingeführt wurden*), fo behielt doch das Übrige Land, die Uckermark, die Neumark, und was von der Nieder­lauſitz, Schleſien und Pommern ſpaͤter den Beſtand der Mark grafſchaft vervollſtaͤndigte, feine ſlaviſchen Einwohner. Dieſe ha ben nun zwar deutſche Sprache, Sitte und Recht angenommen, und ſind ſo zu einem deutſchen Volke geworden; allein dennoch haben ſie mit dem Typus ihrer phyſiſchen Conſtitution und Or ganiſation auch die Urelemente ihrer Nationalitaͤt, das Character­iſtiſche ihres Seelenzuſtandes und ihres Gemuͤthslebens theilweiſe bewahrt. Bei ihnen herrſcht aber das Seeliſche gegen das gei der Deutſchen vor, ſie ſind bei ihrer ruhigen Gelaſſenheit mehr zur Receptivitaͤt und Empfaͤnglichkeit, als zur Production, zu einer nach außen hin thatkraͤftigen Handlungs: Iſt der Deutſche im Allgemeinen zu ſpeculativen Forſchungen, zu ſcharfem und umſichtigem Denken befahigter ſo bietet die ſlaviſche Natur in ihrer groͤßern Sinnlichkeit und Sin­nigkeit einen reichern und uͤppigern Stoff zu ſolcher Geiſtesthaͤ­tigkeit dar. Diele Eigenſchaften aber fehlen in dieſer Aus deh­nung dem Deutſchen, und er wird daher oͤfter uͤber die Grenzen

ſtig Intellectuelle

weiſe geneigt.

*) Vergl. S. 5,