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Die Anschauungen Friedrichs des Grossen vom Festungskriege vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges : Zum Friedrichstage ; nach Vorarbeiten der kriegsgeschichtlichen Abtheilung II und Akten des Kriegs-Archivs / bearb. von [Max] v. Duvernoy
Entstehung
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nach Böhmen und Mähren dienen konnten, ebenso aber der Vertheidigung, um den aus dem Gebirge heraustretenden Gegner anzufallen oder dessen rückwärtige Verbindungen bei seinem weiteren Vordringen nach Schlesien zu bedrohen. Dahinter lagen sodann Glogau , Breslau und Brieg als Rückhalt in zweiter Linie, gleichzeitig als Sperrfestungen, um die Oder, diese Haupt­zufahrtstraße für die Verpflegung der Armee, zu decken.

Vor Neiße war der König 1741 während der Belagerung persönlich thätig gewesen. Die Geländeverhältnisse waren ihm daher besonders geläufig und der Ausbau der Festung vollzog sich von Anfang an nach seinen eigenen Jdeen, unter voller Berücksichtigung des Geländes. Die Befestigung hatte bisher aus einem einfachen Hauptwall nach Niederländischer Manier mit nassem Graben, aber ohne Revetements und ohne jedes Außenwerk bestanden. Das linke Neiße- Ufer, wo nicht unbeträchtliche Höhen bis auf etwa 800 Schritt an die Festung herantraten, war gänzlich unbefestigt.

Die auf dem rechten Ufer gelegene Stadt erhielt zunächst eine aus Ravelinen und Kontregarden bestehende, an der Eskarpe und Kontreeskarpe revetirte, zusammenhängende Enveloppe sowie mehrere Außenwerke und eine zweite, das Ganze umgebende tenaillirte Erdenveloppe mit breitem, nassem Borgraben. Einige Bastione der alten Umfassung erhielten Kavaliere. Dies Boreinanderlegen mehrerer Umfassungen entspricht der abschnittweisen Ber­theidigung, die der König, wie wir sehen werden, mehrfach betont. Die Schleusen wurden vermehrt und verbessert ,. außerdem Staudämme angelegt, so daß die Niederung überschwemmt werden konnte.

Die weitaus wichtigste Verstärkung aber, die Neiße erhielt, bestand in den Neubauten auf dem linken Ufer. Der scharfe Blick Friedrichs hatte sofort erkannt, daß der dortige, die Festung beherrschende, hohe Thal­rand in die Befestigung hineingezogen werden müsse. Er löste diese Aufgabe in einer überaus originellen Weise, was durch eine zusammenhängende Um­wallung in der damals üblichen Manier kaum möglich gewesen wäre. Auf den wichtigsten Höhenpunft legte er das selbständige geschlossene Fort Preußen mit tenaillirtem Grundriß, tiefen Gräben und ausgedehntem Kontre­minersystem. Es bildete den Kern der Festung und beherrschte das ganze Vorgelände. Dieses Fort wurde durch einfache Anschlußlinien mit dem Festungstheil im Inundationsgebiet verbunden. Um wiederum diesen Ver­bindungslinien den nöthigen Halt zu geben, legte der König an ihrem An­schluß an die Neiße oberhalb die Kardinals- und unterhalb die Kapuziner­Redoute sowie auf der Witte beider Linien zwei selbständige geschlossene Werfe, die Jerusalemer Redoute und das Bombardier - Fort, an, so daß die gegenseitige Flankirung sowie die Bestreichung der Thalhänge vollständig ge­währleistet waren. So schuf er eine förmliche Stellung, die das Bereits stellen von Truppen zu Angriffsstößen deckte und durch große Ausfälle eine aktive Vertheidigung ermöglichte. Das starfe Fort Preußen gab der Ber­