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auch die Fälle beſpricht, welche den Plan durchkreuzen könnten. Darunter führt er die Möglichleit auf, daß ſeine Verbündeten Fehler machen und, ſtatt den Oeſterreichern nachzurücken und Schärding und Braunau wieder zu nehmen, ſich damit amüſiren, Ingolſtadt zu belagern.
Um ganz ſicher zu gehen und ſeine Kriegführung nicht wieder durch die laſche und methodiſche Anſchauungsweiſe der Franzöſiſchen Marſchälle durch kreuzt zu ſehen, wendet ſich Friedrich von König zu König an Ludwig XV.
„Unſer ganzes Syſtem beruht auf drei großen Schlägen: der Invaſion von Böhmen und Mähren durch die Preußiſchen Truppen, dem Marſch der Franzöſiſch⸗Bayeriſchen Truppen längs der Donau durch Bayern und dem Marſch einer zweiten Franzöſiſchen Armee auf Hannover gegen die Engländer.“
Mit rückhaltloſer Offenheit heißt es dann am Schluß:„Ich muß noch hinzufügen, daß der größte Theil des Mißerfolges, welchen die Truppen Ew. Majeſtät in Bayern gehabt haben, daher rührt, daß man defenſiv an den Grenzen des feindlichen Landes Krieg führen wollte. Wer ſich in die Defenſive begiebt, muß an zu viele Möglichkeiten denken und läßt dem Feind das Feld frei, kühnere und größere Pläne zu entwerfen und auszuführen. Man muß deshalb immer offenſiv verfahren, ſelbſt wenn man an Zahl unterlegen iſt. Der Feind, durch unſere Kühnheit überraſcht, wird uns oft Gelegenheit dar— bieten zu ſiegen; fo hat der große Condé, Turenne, Luxemburg und Catinat immer gehandelt, und indem ſie immer offenſiv waren, den unſterblichen Ruhm für ſich und die Franzöſiſche Armee erworben.“
Sehr bezeichnend iſt dann noch die Bitte des Königs an Ludwig XV. , den Oberbefehl über die an der Donau operirende Armee dem Marſchall BelleIsle anzuvertrauen, alſo dem General, welcher von allen Zeitgenoſſen den König am meiſten verſtand, und welchen der König ſchon vor drei Jahren gehofft hatte vor den Thoren Wiens umarmen zu können.
Der große Entwurf wurde wieder nur von Preußiſcher Seite ausgeführt. Am 16. September fällt Prag , am 30. Budweis in die Hände der Preußen, und am 6. Oltober iſt der König im Vormarſch auf Piſek , um der Oeſterreichiſchen Hauptarmee, die vom Rhein nach Böhmen marſchirt und bis Mirotitz gelangt war, die Schlacht anzubieten, allein dieſe wich hier und ſpäter noch zweimal der Entſcheidung aus. Aber es erſchien kein Franzöſiſch⸗Bayeriſches Heer auf dem Kriegsſchauplatze, es amüſirte ſich damit, Ingolſtadt zu belagern, und ſchließlich traf den König noch ein unerwarteter Schlag: Sachſen trat in die Reihe ſeiner Feinde über. Damit aber verlor der König die Baſis ſeines Angriffs, die Preußiſche Armee räumte Böhmen , die Periode der Frideri= cianiſchen Angriffskriege hatte ihren Abſchluß gefunden.
Die Beurtheilung nun, welche der Strategie Friedrichs des Großen den Niederwerfungsgedanken abſtreitet und welche in dem König nur die Verkörperung der methodiſchen Kriegführung zu erblicken vermag, könnte einwenden, daß gerade der Mißerfolg der Angriffe in den beiden erſten Schleſiſchen Kriegen
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