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ge Schreiben an den Fürſten Leopold von Anhalt⸗Deſſau, in welchem der 29jährige König als„ſeine erſten Gedanken“ die Grundzüge der Vertheidigung entwickelt, in der er den ſtrategiſchen Angriff von vier Seiten abzuwehren gedenkt.
Die militäriſche Sachlage war kurz folgende: Die Preußiſche Armee war in zwei Gruppen vertheilt. Der eine Theil, 40 000 Mann ſtark, ſtand unter Befehl des Königs in Schleſien und ſollte ſeiner Hauptmaſſe nach bei Neiße verſammelt werden. Die zweite Gruppe war 25 000 Mann ſtark und wurde von dem Fürſten Leopold von Anhalt-Deſſau befehligt. Als Vereinigungspunkt war für ſie ein Lager bei Göttin, ſüdlich Brandenburg, in Ausſicht genommen. Die Feſtungen Neiße und Brieg waren noch in Oeſterreichiſchen Händen. Feindlicherſeits ſammelte ſich die Oeſterreichiſche Hauptarmee des Feldmarſchalls Neipperg bei Olmütz, im Ganzen 20 000 Mann; die Sächſiſche Armee, welche 20 000 Kombattanten zählte, war derartig dislozirt, daß ſie in ſechs Tagen bei Torgau und Eilenburg vereinigt werden lonnte, 30 000 Ruſſen ſtanden bereit, um in Oſtpreußen einzurücken. Die Hannoverſche Armee hatte eine Stärke von 16000 Mann und war noch immobil, doch war ihre Rüſtung in Ausſicht genommen und ſollte ſie um 12000 Mann Engliſcher Soldtruppen verſtärkt werden.
Der von dem Dresdener Hofe entworfene und von den Kabinetten von London und Petersburg gebilligte Kriegsplan beſchäftigte ſich vorzugsweiſe mit dem Korps Anhalt, da man annahm, daß die Armee des Königs und die Neippergs ſich gegenſeitig im Schach hielten und die Ruſſen ohne Widerſtand bis zur Pommerſchen Grenze vorrücken könnten.
Der Plan zog zunächſt in Erwägung, daß die Lagerſtellung Anhalts bei Göttin ſehr vortheilhaft gewählt ſei, da ſie Berlin decke, Sachſen und Hannover bedrohe und die Vereinigung der Armeen dieſer beiden Staaten hindere. Vor Allem aber ſei Sachſen gefährdet. Deshalb müſſe der erſte Angriff von Hannoverſcher Seite erfolgen. Es wäre alsdann anzunehmen, daß Fürſt Leopold den Hannoveranern entgegenmarſchire und eine Schlacht ſuche. Dieſer müſſe die Hannoverſche Armee jedoch ausweichen und eine ſtarke Stellung beziehen. Jetzt ſei für die Sächſiſche Armee der Moment des Eingreifens gekommen und dieſe könne direkt auf Berlin marſchiren. Der Fürſt von Anhalt würde dann jedenfalls umkehren, um die Hauptſtadt zu retten. Dann müſſe ihm das Hannoverſche Heer folgen, und ſo könne man ihn zwiſchen zwei Feuer nehmen. Sollte dagegen Fürſt Leopold überraſchend in Sachſen einrücken, fo ſei dort die Vereinigung beider Heere zum Schutze des Kurfürſtenthums anzuſtreben.
Dieſer von dem Sächſiſchen General Grafen Renard verfaßte Feldzugsplan hat ein ſehr charakteriſtiſches Zeichen, die Furcht vor einer Invaſion Sachſens, und in dieſem Punkte täuſchte er ſich allerdings nicht. Der Operationsentwurf iſt wohl nie zur Kenntniß des Königs gekommen, er iſt über
Beiheft z. Mil. Wochenbl. 1891. 6