Druckschrift 
Die Angriffspläne Friedrichs des Großen in den beiden ersten Schlesischen Kriegen : Vortrag gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 24. Januar 1890 / von A. v. Roeßler
Entstehung
Seite
84
Einzelbild herunterladen

84

haupt erſt vor wenigen Jahren aus dem Staube des Londoner Archivs an die Oeffentlichkeit gezogen worden. Ich habe ihn hier nur erwähnt, weil ſich bei ſeiner Kenntniß die Königlichen Gedanken um ſo ſchärfer hervorheben.

Der Plan des Königs iſt uns in zwei eigenhändigen Schreiben an den Fürſten Leopold überliefert, die ſich in dem Herzoglichen Archiv zu Zerbſt befinden und in der Politiſchen Correſpondenz abgedruckt ſind. Sie ſind etwa drei Wochen älter, wie das Renardſche Projekt. Das erſte der ſelben es iſt das ſchon erwähnte vom 17. März geht von dem Ge danken aus, daß Oſtpreußen gegen die Ruſſen doch nicht zu halten, daher beſſer gleich zu räumen ſei. Fürſt Leopold ſollte Alles vorbereiten, um ſofort nach erhaltenem Befehl in Sachſen einzudringen, die Armee zu entwaffnen und den Kurſtaat wehrlos zu machen. Sollten die Hannoveraner auch nur eine feindliche Miene annehmen, ſo würde, heißt es wörtlich,wohl kein An ſtand zu nehmen ſein, nach geſchehenem Coup in Sachſen auch ſolchen zu Halſe zu gehen und zu thun, was die Umſtände erforderten. Mit der Hauptarmee will der König verſuchen, Neiße und Brieg zu nehmen; dann ſoll ein Theil in Schleſien defenſiv bleiben, mit dem andern Theile aber will der König durch die Lauſitz marſchiren, ſich mit dem Korps Anhalt vereinigen und dann mit geſammter Kraft den Ruſſen entgegengehen. Der Brief ſchließt mit den bezeichnenden Worten:Uebrigens wollen Ew. Liebden das dortige Corps d' Armee dergeſtalt fertig halten, damit Alles im Stande und bei der Hand ſei, ohne einen Moment zu verlieren, dahin, wo es nöthig ſein wird, zu agiren und meinen Feinden das praevenire ſpielen zu können.

Wenn nun auch ſchon in dieſenerſten Gedanken der Grundzug un verkennbar iſt, dem Feinde durch Operiren auf der inneren Linie die Initiative zu entreißen, ſo hielt es doch der König bereits nach drei Tagen für nöthig und angängig, ſeiner Hauptarmee eine noch offenſivere Rolle zuzuweiſen. Er hatte in dieſen Tagen die Nachricht von feinem Geſandten an dem Münchener Hofe erhalten, daß eine Bayeriſche Armee von 25 000 Mann bei Amberg aufmarſchire mit der Abſicht, in Böhmen einzufallen und auf Prag vorzurücken. Ihr Eingreifen würde aber noch verzögert werden, da der Kurfürſt von Bayern zunächſt die Abſicht habe, ſich mit großem Gefolge nach Frankfurt a. M. zu begeben, um dort ſeine Kaiſerwahl zu betreiben. Der König ertheilt daher am 17. dem Geſandten die Inſtruktion, alle Hebel in Bewegung zu ſetzen, um die Frankfurter Reiſe zu hintertreiben und den Kurfürſten zu veranlaſſen, ſich an die Spitze ſeiner Armee zu ſetzen. Friedrich iſt von der Macht ſeiner Gründe ſelbſt ſo überzeugt, daß er von jetzt ab die Bayeriſche Armee als einen Faktor in feine ſtrategiſchen Entwürfe aufnimmt. Als er nun noch am 20. März die verbürgte Nachricht erhielt, daß Neipperg am 5. zu ſeinem Heere abgereiſt ſei und über Jägerndorf in Schleſien eindringen wolle, ſo

) Grünhagen I, S. 2659 und 260.