Druckschrift 
Die Angriffspläne Friedrichs des Großen in den beiden ersten Schlesischen Kriegen : Vortrag gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 24. Januar 1890 / von A. v. Roeßler
Entstehung
Seite
85
Einzelbild herunterladen

85

ändert der König, der neuen Sachlage entſprechend, ſeine Anſichten. Von dieſen neuen Geſichtspunkten giebt uns das zweite Schreiben Kunde. Er ſpricht in ihnen nicht mehr von den Feſtungen, ſondern will die Oeſterreicher über das Gebirge kommen laſſen und dann die Schlacht ſuchen. Nach er­rungenem Siege ſoll die Preußiſche Armee von Schleſien oder der Lauſitz nach Böhmen, alſo in der Richtung auf Königgrätz oder Prag, eindringen, um das Garaus dorten geſchwinder zu machen, und ſich dann erſt mit dem Korps Anhalt vereinigen, um ſich dahin zu wenden,wo es die Noth erfordert!.

Ich möchte den Gedanken, welchen dieſer zweite Brief enthält, bei meinem heutigen Vortrage beſonders in den Vordergrund ſtellen, denn er iſt es, der in allen drei Vertheidigungsplänen, die Friedrich in den beiden erſten Schle­ſiſchen Kriegen entwarf, als charakteriſtiſches Zeichen wiederkehrt. Seine Ver­wirklichung führte die Vereinigung der beiden Preußiſchen Heeresgruppen auf Sächſiſchem Boden nach zwei ſiegreichen Schlachten und damit die Möglichkeit herbei, nach der Niederlage der beiden läſtigſten Gegner ſich mit geſammter Kraft nach Oſt oder Weſt wenden zu können.

Die Gedanken des Königs wurden 1741 bekanntlich nicht ganz zur That umgeſetzt. Wohl kam Neipperg über die Berge und wurde bei Mollwitz ge­ſchlagen, aber der moraliſche Eindruck des Preußiſchen Sieges war ein ſo ge­waltiger, daß die eben geſchloſſene Koalition ſofort wieder in ſich zerfiel. Eine Neugruppirung der Mächte trat ein. Frankreich, Bayern und Sachſen ſtellten ſich auf Seite Preußens; England⸗Hannover erklärte ſeine Neutralität, und Maria Thereſia, von ihren Verbündeten verlaſſen, ſtand jetzt allein auf dem Kampfplatz.

Dieſe Sachlage führte politiſch zur Wahl des Kurfürſten von Bayern zum Deutſchen Kaiſer am 24. Januar 1742 und militäriſch zu den Feldzugs­plänen, die König Friedrich in den Jahren 1741, 1742 und 1744 für die Angriffskoalition entwarf.

Drei Jahre waren ſeit jenem 24. Januar vergangen, an welchem Karl Albert aus der Hand der Deutſchen Kurfürſten das Diadem Karls des Großen empfing. Der Feldzug des Jahres 1744 war beendet, eben hatte man in Berlin abermals den Friedrichstag mit hergebrachtem Glanze gefeiert, als zwei Tage ſpäter die erſchütternde Kunde einlief, daß der Wittelsbachiſche Kaiſer an der Seite ſeiner Ahnen zur ewigen Ruhe gebettet ſei. Damit aber hatte ſich mit einem Schlage die politiſche Scene von Neuem geändert. Da Sachſen bereits im Jahre 1744 eine ſehr neutrale Rolle geſpielt hatte, ſo hing jetzt Alles davon ab, welche Partei der neue Kurfürſt von Bayern er­greifen werde. Es war natürlich, daß Ludwig XV. die größten Anſtrengungen machte, den jungen Maximilian Joſeph in das Fahrwaſſer der Franzöſiſchen Politik hineinzuziehen. Er verſprach ihm neben der Kaiſerkrone eine bedeutende Unterſtützung an Geld und Truppen, die ihn in den Stand geſetzt hätte, den

6*