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So war Cohen ein ganzer; und so konnte man ihn nur als ganzen hinnehmen, oder ablehnen, oder seines Weges gehen lassen. Begreiflich daß die meisten das letzte vorzogen; denn es ist das leichteste. Nicht so die Jugend, sondern sie hing grade darum ihm an, weil er ein ganzer war. Sie spürte Jugend in ihm. In der Tat, er war, noch im weißen Haar, ein Jüngling, ja ein Kind, auch ganz im Sinne des Goetheschen: „Da wo du bist, sei alles." Und das war seine llnüberwindlichkeit, für den, in dem selbst Kindlichkeit genug ist, um sie im Andern zu verstehen. Was ist denn Jugend als was ich nannte: Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit, Unbedingtheit? Wer sich die gewahrt hat, wird stets die Jugend auf seiner Seite haben, wer ste verloren oder nie besessen hat, dem wird sie entgleiten. Es ist von mehr als einem, auch von Hochschullehrern, in letzter Zeit scharf ausgesprochen worden, daß leider wir, wie nicht minder die Lehrer der übrigen Schulen, es daran oft gar sehr haben fehlen lasten, und uns deshalb nicht wundern dürfen, wenn viele gerade unsrer ernstesten, hoffnungreichsten Jugend sich von uns abkehren und ihre Wege abseits unsrer Lehre suchen. Wir sprechen von Universität, und bieten fast nur Stückwerk, das zu keinem geistigen Universum mehr sich fügen will. Dagegen nimmt man dann gern auch eine starke Subjektivität in den Kauf, wenn nur der Blick stets auf das Ganze gerichtet, wenn Ganzheit der seelischen Bildung mit Ernst, mit echtem Durste der Seele gesucht wird. Daraus versteht sich das Verhältnis, das Cohen gewiß nicht zu dem schlechtesten Teil unsrer Studentenschaft hatte. Und eben- daraus mögen Sie es verstehen, daß für den, dem es zugefallen war, an Cohens Seite zu wirken, es ein Ding der Unmöglichkeit war ihn im Stiche zu lassen, die Stütze eines gleichgesinnten, freundschaftlichen Zusammenwirkens, wie es eben nach seiner Eigenart ihm Bedürfnis sein mußte, ihm wegzuziehen, um etwa für sich ein bequemeres oder äußerlich günstigeres akademisches Wirken zu erreichen. Das war nicht Opfer, sondern höchster Gewinn. Denn es war Frucht und Ausdruck der täglichen Erfahrung, daß durch dies zugleich sachlich und persönlich festge-