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Hermann Cohen als Mensch, Lehrer und Forscher : Gedächtnisrede, gehalten in der Aula der Universität Marburg, 4. Juli 1918 / von Paul Natorp
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schentums; also notwendig, als Philosoph, zum Syste m. Daher ist sogleich das für ihn bezeichnend, daß er, vom ersten Schritt seiner Laufbahn bis zum letzten, so wie kein zweiter in den letz­ten fünfzig Jahren und noch weiter zurück, nach dem System ge­strebt hat. Das System der Kantischen Philosophie ist sein Ziel in der ersten Hälfte seiner Lebensarbeit, das System der Philosophie in der zweiten. Warum mußte es Kant sein? Nun, er stand schon im Vordergrund der historisch-kritischen Unter­suchung. Der RufZurück zu Kant!" war bereits ergangen. Zeller, Liebmann, Helmholtz, Lange, alle hatten auf ihn hinge­wiesen. Durch einen Streit zwischen Trendelenburg und Kuno Fischer war die rechte Deutung der Vernunftkritik philosophische Tagesfrage geworden. Das gab den äußeren Anstoß zur Ent­stehung des Buches, welches den Ruf H. Cohens begründete: Kants Theorie der Erfahrung" (1871). Aber auch innerlich war der Rückgang auf Kant tief begründet. Die Philo­sophie stand an den Universitäten und im allgemeinen Kultur­leben damals in tiefer Verachtung. In starkem Abstich von der reichen, schöpferischen Arbeit der Erfahrungswissenschaften, Na­tur- wie Menschheitsforschung, wo jeder Tag neue, befreiende Aufschlüffe brachte, schien Philosophie sich immer in dem gleichen engen Kreise unfruchtbarer Spekulationen zu drehen, deren Bankerott seit dem Versanden des Hegelianismus vor aller Augen offenbar geworden war. Und doch hatte einst Kant die Philosophie in densicheren Gang einer Wissenschaft" zu bringen gedacht, sie von denhohen Türmen" der Spekulation, um die so viel Wind ist", in das'fruchtbare Bathos" (Tiefland) der Erfahrung zurückgerufen. Aber man war ihm nicht gefolgt. Den Einen blieben diehohen Türme" verlockender, die Andern ließen es sich in demfruchtbaren Tiefland" so wohl sein, daß sie nach gar keiner Philosophie mehr verlangten, an ihrerErfah­rung" genug hatten. Da bedeutete es eine gewichtige Entdeckung, daß der von Kant gewiesene Weg der einzige war, der für die Philosophie gangbar blieb; daß dieser Weg durch die stürmen­den Fortschritte der Erfahrungswiffenschaften so wenig abgetan