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das keineswegs nur historische Verdienst dieses ersten Cohenschen Buches.
Wie hatte denn das so lange verborgen bleiben können? — Das war möglich, weil Kant selbst sich über diese Bedeutung seiner Methode nicht gleich von Anfang an klar gewesen war, sondern sich zu dieser Klarheit erst mühsam durchrang. So konnte es geschehen, daß alle Welt Kant las und doch diese entscheidende Bedeutung seiner Tat unerkannt und ungenutzt blieb. Man klaubte an Einzelheiten herum, verfehlte den Sinn des Ganzen. Aber „dieser Geist, der ein ganzer ist, kann sich nur aus dem Ganzen bewähren", sagt Cohen. Dagegen richtet die billige Weisheit nichts aus, daß auch der größte Menschengeist im letzten Sinne kein ganzer ist. Mag um Einzelnes, schließlich um jede Einzelaufstellung gestritten werden können, mag der philologischen Genauigkeit, der historischen Allseitigkeit der Beziehungen keinerlei Schranke gezogen werden; Lohen selbst hat es sich mit der Deutung des Kantschen Buchstabens keineswegs leicht gemacht. Aber zuletzt, wenn es um Grundfragen zu tun ist, heißt es aus dem Ganzen das Einzelne verstehen, und dazu bedarf es eines abstrahierenden und konstruierenden Verfahrens, wie es Cohen in diesem und seinen weiteren Kantbüchern übt, wie schließlich jede Wissenschaft in den grundlegenden Untersuchungen es üben muß und allzeit geübt hat.
„Kant hat einen neuen Begriff der Erfahrung entdeckt", erklärt Cohen. Es ist kein anderer, als der, man möchte einmal sagen dürfen, sonnenhell beleuchtet wird durch die klassische Ausführung der zweiten Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft: daß der Entdecker etwa der geometrischen Grundwahrheiten nicht dem, was er in seiner Figur sah, oder dem bloßen Begriff derselben, nachspüren und davon ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch das, was er nach Begriffen selbst a priori hineindachte und darstellte, hervorbringen mußte, desgleichen in der Naturwissenschaft „die Vernunft nur das einsteht, was sie selbst nach ihrem Entwürfe hervorbringt". — „Es ist nicht draußen ... es ist in dir" — auch da nicht wie im offenen Buch