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Hermann Cohen als Mensch, Lehrer und Forscher : Gedächtnisrede, gehalten in der Aula der Universität Marburg, 4. Juli 1918 / von Paul Natorp
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zu lesen, sondern:du bringst es ewig hervor". Sol­ches Hervorbringen des Gegenstandes, das ist das echteErfah­ren", wie es in aller echten Wissenschaft, allem echten Handeln des Menschen, allem echten Kulturschaffen sich in nie abreißendem Fortgang vollzieht. Nur indem und weil diese echte Erfahrung ihren Gegenstand selber hervorbringt, vermag sie auch über die gesetzmäßigen Bedingungen und die Bedeutung solcher Hervor­bringung sich vor sich selbst Rechenschaft zu geben. Das ist him­melweit verschieden von dem falschen Anspruch einer An-fich-Lr- kenntnis des Gegenstandesa priori", d. h. über die Erfahrung hinweg, es ist vielmehr diekritische" Besinnung, daß die Gegen­stände unserer Erkenntnis eben nur unsere Gegenstände sind, die Gegenstände, wie sie allein gemäß den Bedingungen, also auch nur in den Grenzen einer uns möglichen Erkenntnis erfaßbar sind. Wiederum ist solcheErscheinung" nicht trügender Schein,' die vielbeschrieenen Denk- und Anschauungsformen Kants sind nicht etwas wie Teigformen, in die die nahrhaften Stoffe der Erfahrung geknetet und dann in den Backofen geschoben werden, um dem Brote der Erkenntnis die uns mundgerechte Fassung und unserm geistigen Magen bekömmliche Qualität mitzuteilen, son­dern sie wollen Prozesse, Akte denkender, anschauender, hin­schauender Gestaltung, sie wollen das lebendige Erdenken, Er- schauen des Gegenstands bedeuten. Als Denk-, als Anschauungs­inhalte allein erstehen uns die Gegenstände, gehen sie hervor, erzeugen sie sich uns aussen lebendig sprudelnden Quellenrei- nen" d. i. gesetzmäßigen und durch Gesetzmäßigkeit sich in Einheit fügenden Denkens und Anschauens. Solche Gegenständlichkeit ist das Wirklichste, was es für uns gibt; sie ist, in der Aktualität des Erdenkens, des Erschauens, selbst in unangreifbarer Ak­tualität gesichert. Nur ist sie eben nicht starr, unbeweglich, sie ist, in diesem Sinne, gar nichtan sich", sondern allein für Rech­nung der Erkenntnis, einer Erkenntnis, die selbst nicht ist, son­dern wird, die als abschließend und abgeschlossen gar nicht ge­dacht werden darf.

Diesen idealistischen und zugleich aktualistischen