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Sinn des Gegenstands hat Cohen, nicht zuerst und nicht allein, aber reiner, klarer, tiefer als andre erkannt. Zwar vorerst steht ihm die Idealität weit voran. Aber auch die Aktualität leuchtet durch, wenn es schon in seinem Erstlingswerk heißt: Der trans- zendentale Idealismus kennt in der Reihe der Erscheinungen (d. i. Gegenstandsdarstellungen in möglicher Erfahrung) kein erstes und kein letztes Glied, also muß ihre Unendlichkeit von allen Seiten zusammenstreben zu einer Einheit (der Idee), die stets von neuem sich entzweit, um in einer neuen Idee nur reinere Einheit zu finden. Indem so der Gegenstand überhaupt nicht mehr „ist", sondern ewig nur wird, ist der Weg gewiesen, ihn in voller Lebenswirklichkeit auch im flüchtigsten Uebergang, bis zum Augenblickserleben, unangreifbar fest zu gründen. Allerdings scheint Cohen, so wie Kant selbst, vorerst stehen zu bleiben in allgemeinsten, „rationalen" Gesetzlichkeiten; es scheint noch als bliebe es bei der schroffen Sonderung, in der theoretische und praktische Vernunft, Anschauung, Begriff, Idee u. s. f. bei Kant nebeneinander, fast feindlich gegeneinander standen. Das Problem des I ndividuellen, z u desse n Bearbeitung bei Kant zwar wichtige Ansätze wohl aufweisbar sind, scheint, wie von Kant selbst, so von Cohen, in seiner vollen Wucht noch gar nicht empfunden zu werden. Es wird — scheinbar — an die Psychologie abgeschoben — eine Psychologie, die, aus der Transzendentalphilosophie nur ausgeschaltet, draußen, in unklarem Verhältnis neben ihr zu stehen scheint. So scheint sich ein nur kritisch gewendeter Rationalismus zu ergeben, das Irrational e, das sich doch nun einmal nicht wegleugnen läßt, ganz un- bewältigt zu bleiben. So wird Cohen im allgemeinen bis heute aufgefaßt, und das ist, wenn man nur seine ersten Schriften vor Augen hat, auch wohl zu verstehen. Aber mit jedem neuen Werk ist Cohen einen Schritt weiter darüber hinausgekommen. Ich erinnere mich aus der Zeit, da er rastlos von Kolleg zu Kolleg an seinem System fortschuf, seines öfteren Ausspruchs, es bleibe von Kants Systemaufbau „kein Stein auf dem andern". Doch sind die Grundmauern stehen geblieben, wenn auch