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Hermann Cohen als Mensch, Lehrer und Forscher : Gedächtnisrede, gehalten in der Aula der Universität Marburg, 4. Juli 1918 / von Paul Natorp
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zum Tun geworden, die Gegebenheit eingeschmolzen;gegeben" ist nichts mehr als die Aufgabe, vielmehr auch die ist nicht son­dern wird gegeben, sie stellt sich neu mit jedem Schritt, den die Erkenntnis vorwärts tut; jede Antwort stellt nur wieder eine neue Frage, jeder Nährungswert der Gleichung stellt im unge­lösten Rest die neue Aufgabe. So allein wird in der Infini- tesimalmethode (die eben dies prägnant ausdrückt und an einem hervorstechenden Beispiel, gleichsam als Paradigma, darstellt) die Realität im Punkte des Übergangs, im Status maseeuäi erfaßlich und so aller Starrheit des fertigen Soseins enthoben. Wie dadurch die Kantische Unterscheidung von Anschauung und Denken sich erledigt, wie Zeit und Raum bei Kant noch an­scheinend fertige Gegebenheiten, starre Ordnungen, denen alles, was gegeben wird und werden kann, sich lediglich fügen mutz selbst erst in und mit der infinitesimalen Realität erzeugt werden, wie damit zugleich Leibnizens Forderung erfüllt wird, alles Extensive im Intensiven erst zu gründen, das alles kann hier nur dem schon Wissenden in Erinnerung gebracht werden, als Voraussetzungen zu dem Schluß: datz hier zuerst die Methode gefunden ist für die Bestimmbarkeit des Individuellen, im strengsten Sinne punktueller Unendlichkeit.

Die damit gewonnene Verflüssigung desFaktums" (wie ich zu sagen pflege) zumFieri" dringt siegreich durch in der Neubearbeitung vonKants Theorieder Erfahrun g", 1886.Die Erkenntnisse" (lesen wir da)bilden nicht ein ab­geschlossenes System, ein Kapital toter Hand, sie sind nur, indem sie zeugen: das ist der Charakter des Idealen. Sie ent­halten nicht nur das, was ermittelt ist, sondern in sich zugleich das, was fraglich bleibt. Das ist der Charakter aller Begriffe, datz sie, indem sie Denkforderungen befriedigen, neue stellen. Es gibt keinen definitiven Abschluß. Jeder neue Begriff ist eine neue Frage, keiner eine letzte Antwort." Damit wird nicht nur die Idealität erst präzis, denn die Frage, die Aufgabe, die unendliche Aufgabe, das und nichts andres ist die Idee, und in ihr gründet sich jetzt alle Realität, von der in der Erkenntnis