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Hermann Cohen als Mensch, Lehrer und Forscher : Gedächtnisrede, gehalten in der Aula der Universität Marburg, 4. Juli 1918 / von Paul Natorp
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erreichten durchgreifenden Einheit des philosophischen Systems, sondern darin, daß die volle Durchwirkung des Ide­alismus bis zum letzten Individuellen, zur Aktwirklichkeit, dadurch allein möglich wird. Denn so wird ja das Denken, ganz als Denken der Idee, unmittelbares, lebendiges Tun, also Akt. Damit aber rühren wir an den tiefsten Punkt der heutigen Philosophie. Mit dem Problem desPrin­zips der Individuation" ringen gegenwärtig alle, die in der Philosophie wirklich arbeiten. Und nicht die Philosophen allein; das Problem des Individuellen liegt ebenso an der Wurzel aller zur Tiefe dringenden Erwägungen heutiger Eeschichtserkenntnis im weitesten Sinne, als Wissenschafts-, Kunst-, Religions­geschichte wie als Wirtschafte-, Rechts- und Staatengeschichte; es liegt nicht minder an der Wurzel auch des gewaltigsten Pro­blems der Naturwissenschaft unserer Tage, des tief philo­sophischen Problems der Relativität von Raum und Zeit.

Von eben diesem Punkte aber hat Cohen auch die letzte, dauernd nicht wohl erträgliche Starrheit seiner früheren Stel­lungnahme überwunden: die der ausschließlichen Ethi- sierung der Religion. Noch in der Ethik von 1904 fin­den sich die harten Aussprüche: Religion sei nur als ein Natur­stand anzusehen, dessen Kulturreife in die Ethik falle; ja als ein Surrogat, auf das nur praktisch zur Zeit noch nicht zu verzichten sei; es bleibe nur übrig, sie als ein Kulturmittel zu benutzen für den klaren Zweck, daß sie sich selbst zur Erledigung bringe! Hoch darüber erhebt sich die Schrift von 1918:Der Begriff der Religion im System der Philosophie". Zwar er­scheint auch noch da die Religion anfangs fast als Philosophie; sie scheint weiterhin, wie bisher, nicht wesentlich hinauszukom­men über die generelle Methodik desreinen Willens". Aber es dringt dann doch durch, daß Religion zweifellos etwas mehr will als das, nämlich die Einzigk eit, die nicht bloß relative sondern absolute Jndividuität Gottes wie des Men­schen, Gottes weil des Menschen, des Menschen weil Gottes.