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Im 18. Jahrhundert war Weimar der Hauptsitz eines modernen Griechentums; im 16. Jahrhundert mußten wir die inhumanen Gewalttaten des sogenannten Humanismus gegen alles, was deutsch war, über uns ergehen lassen. Vierhundert Jahre vorher, im 12. Jahrhundert, hatten wir unter der welschen Mode aus Frankreich stark zu leiden. Weitere vierhundert Jahre zurück, im 8. Jahrhundert, drang die erste Renaissance, die karolingische, über die Alpen zu uns, und endlich noch wieder vierhundert Jahre rückwärts erfuhren die germanischen Franken auf nordgallischem Boden starke Einflüsse provinzialrömischer Kultur, von denen manches später auf das gesamte Deutschtum übergegangen ist.
So haben die Gelehrten, die nur die Äußerlichkeiten stofflicher Zivilisation zum Wertmesser der Kultur nehmen und die zwar für die gefällige äußere Form romanischen Wesens eine überschätzende Empfänglichkeit mitbringen, der schwerer zu erfassenden, weil tief im Kerne liegenden Innigkeit und Erhabenheit deutschen Seins und Tuns aber mit kalter Verständnislosigkeit gegenüberstehen, leichtes Spiel, zu behaupten: das Große im deutschen Kulturleben sei stets nur im Gefolge großerKulturströmungen von außen her entstanden, sei es vom „klassischen" Süden oder gar erst vom welschen Westen her.
Ein typischer Vertreter dieser grundfalschen Werturteile, ein gefährlicher, verführerischer Verfechter des berüchtigten Lx Oriente lux, „aus dem Osten das Licht", mit den phantastischen Worten Schellings als Leitstern: „Was ist Europa als der für sich unfruchtbare Stamm, dem alles vom Orient her eingepfropft und erst veredelt werden mußte?" war und ist heute noch Viktor Hehn, dessen hundertjährigen Geburtstag „dankbar zu begehen" man sich in diesen Tagen anschicken will.
Sein von Vorurteilen strotzendes und im wichtigsten auf allen Gebieten widerlegtes Werk über die „Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Uebergange aus Asien nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa" ist geschrieben, um zu zeigen, daß der Aufstieg Europas zur Kultur sich in zwei Stufen vollzog: die erste war die Orientalisiecung des Südens, die zweite die Romanisiecung des Nordens. Erst die Berührung mit den „Semiten", — so sagt Viktor Hehn stets, wo er die Kleinasiaten meint, die alles andere waren, nur nicht Seniiten, hätte die angeblich noch „halbnomadischen" nordischen Barbaren, die die Urgriechen gewesen sein sollen, aus ihrer Dumpfheit aufgerüttelt und auf die Kulturbahn gedrängt. Nun erst hätten sie aus ihrem Lande, das gleich Altgermanien noch vom finsteren Urwalde und eklen Sümpfen starrte, jenes Paradies einer südlichen Charakterlandschaft geschaffen, wo Zypresse und Platane, Pinie und Edelkastanie, Lorbeer und Myrte herrschen, wo Weinstock, Feige und Oelbaum, Granatapfel und Dattel den Menschen erfreuen und nähren.
Sonnige Kultur im Süden und finsteres Barbarentum im Norden, wie könnten diese Gegensätze überhaupt sich besser spiegeln als .in der Hehnschen Gleichung: Südeuropa -Linnenkleidung, Oelkost und Weingenuß, „also Kulturhöhe" ; Nordeuropa aber Wollkleidung, Butterkost und Biergenuß, „also Barbarei". Fürwahr, es ist schwer, bei solcher Geschichtsfälschung ernst zu bleiben.
Den Wein konnten die gütigen Römer an den Norden weitergeben (Hehn weiß nicht, daß die Gallier es schon getan hatten); aber Feige, Oelbaum, Dattelpalme mußten unter dem „graulichen Tage" unseres Landes uns für immer versagt bleiben. Welch schreckliches Schicksal für uns arme Barbaren, deren Vorfahren, wie Hehn es schaudernd ahnungsvoll nachfühlt, bei ihrer halbtieris chen Lebensweise und dem ständigen Aufenthalt in bloßen Erdlöchern vor Ungeziefer verkommen sein mußten! Daß diese Barbaren bereits in der Steinzeit große rechteckige Häuser bewohnten, wußte Hehn noch ebensowenig wie dies, daß sie den Vorderasiaten das edelste der Haustiere, das Pferd erst geschenkt haben.
Aber er preist den gottbegnadeten Orient, weil ihm Südeuropa die köstliche Gabe des Esels verdanke, jenes Esels, dem es bei uns so wenig behagt, weil ihn unser barbarisches Klima anwidert.