Heft 
(1915) 3
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Dieser Jtalienschwärmer und Germanenverächter, das fühlt man, hatte kein Vaterland wie so viele baltische Deutschrussen, die gesättigt von deutscher Bildung in altrussischem Dienste widerwillig ein innerlich zerrissenes Dasein führen müssen.

Nicht minder irrig ist der starke Abscheu Hehns vor dem alt-arischen finsteren Urwalde", jenem Walde, den der Germane entgegen aller laienhaften Vorstellung, die auch Hehn beherrscht, bei seiner Ansiedelung gerade so weit mied, wie wir es tun. Denn der weite, wüste Wald ist von jeher der Feind des Kulturmenschen gewesen. Und doch suchte ihn der Arier stets mit Lust auf, wenn es galt, der Jagd zu fröhnen, und mit heiliger Scheu, wenn er der dort unsichtbar waltenden Gottheit heimlich nahen wollte. Aber dauernd dort Hausen mußte nur derin den Wald Gewünschte", der Geächtete, der friedlose, land­flüchtige, vogelfreie Verbrecher, der alsWarg" d. h. als Wolf sich bergen mußte im Walde, wo er nachts nur zu leicht ein Opfer elbischer Mächte werden konnte, wie wir es in unseren alten ergreifenden Volksballaden so oft von ver­irrten Rittern hören: von Harald und von Oluf, auf Elbershöh und im Erlkönig,

Viktor Hehns Grundanschauung ist wissentschaftlich unhaltbar. Dennoch scheinen die Stimmen derer sich eher noch zu mehren, die von der uralt ein­geborenen Eigenbegabung der nordischen Stämme nichts wissen wollen, weil sie davon eben nichts wissen. Aber ihre Meinungen sind lustige Gespinnste, von der Fremde überkommene Vorurteile, die dahinschwinden müssen, sobald wir zu zeigen vermögen, daß Eigenartiges und Großes von Germanen geleistet worden ist, lange schon, bevor die Sonne südlicher Kultur unerbeten sie zu bescheinen anfing, eine Sonne, deren segnende Macht weit mehr herrliche Blüten und Knospen aus germanischer Wurzel zum Verdorren brachte, als sie künstlich erzeugte Ge­wächse neu hervorzulocken vermochte Treibhausblumen, die doch nimmer feste Wurzeln in den deutschen Boden zn senken imstande sein konnten.

Und dieser Nachweis ist nicht so aussichtslos, als daß man nicht wägen dürfte an den Grundfesten der Werturteile zu rütteln, die immer noch die Menge der Gebildeten beherrschen, wenn es sich darum handelt, Orient und Europa, Südeuropa und Nordeuropa gegeuüberzustelleu.

Betrachten wir auch nur die Menge überragender Eigenschaften und Leistungen aus der Frühgeschichte unserer Urahnen wie ist es dann noch möglich, blind zu sein gegen das Großartige und Weltüberwindende, das die Germanen zeigen, sobald sie nur auf die Bühne der Weltgeschichte treten! Oder ist der Mensch nur groß in Kultur, wenn er die Technik ins Gewaltige steigert, oder wenn er Marmortempel baut und Bildsäulen setzt, oder wenn er Tausende von Gesetzes­paragraphen sich ausklügelt oder jeden Vertragsschluß mit dem Nachbarn mit allen erdenklichen Vorbeugungsmitteln umgittern und auf Schrifttafeln verewigen muß, um die Untreue oder die Zügellosigkeit seiner Mitmenschen auf ein erträgliches Maß zurückzuschrauben?

Alle solche Errungenschaften sind ein Erfordernis des Großstadtlebens mit seiner gedrängtewBevölkerung, seiner weitgehenden Arbeitsleitung, seinem mächtigen Kapitalismus, wie sie die im Altertume von Natur und Klima weit mehr als heute vor Nordeuropa bevorzugten Gegenden, zuerst des Orients, später auch Südeuropas, kannten.

Alles das war fremd den Germanen auch noch der Römerzeit, die nur ein Land- und Dorfleben kannten, wenn auch allenthalben Edel- und Königssitze nicht fehlten.

Den Germanen beseelte das innige Zusammenleben mit der Natur, der Hang zu Vereinzelung, zum Ausleben seiner Sondertriebe. Weil er als Acker­bauer in stärkster Vereinzelung auf seiner Scholle saß, hatte er Genüge in engem Kreise, ganz erfüllt von dem fürsorglichen Betrieb seiner Haus- und Landwirt­schaft. Der Orient aber konnte trotz Bolksdichter und hoher Technik den Untergang seiner Staaten und Völker nicht aufhalten, sobald mit dem Verbrauch der führen­den Oberschicht arischer Edelrasse die Entartung des ganzen Volksmassivs eintrat.