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Umgekehrt trugen die Germanen, in sich schlummernd zwar, aber unzerstörbar den reichen Schatz großer Eigenschaften aus ihrer Urväter Erbe und gaben ihn den Enkeln weiter: Eigenschaften körperlicher, seelischer, geistiger Art. Nicht nur Schönheit, auch standhafte Gesundheit, ausdauernde körperliche Leistungsfähigkeit und nachhaltigste Tatkraft überhaupt; dazu tiefe Wahrheitsliebe, ruhige Sachlichkeit, hohen Gerechtigkeitssinn, maßvolles Denken, scharfen, durchdringenden Verstand: und als Folge von alledem ein hervorragendes Organisations-, ein angeborenes Herrschertalent. Endlich gesellt sich dazu eine unerschöpfliche Phantasie, ein Hang zur Mystik, eine tiefe Innerlichkeit, die sich in Musik und Dichtkunst auslebt; — aber auch ein unbändiger Freiheitsdrang, ein unausrottbarer Sondergeist, ein harter Eigenwille, ein Leben und Tod verachtender nordischer Trotz, der auch vor den Göttern nicht wich, sondern gegen sie sogar offen ankämpfte, — dessen edelste Früchte jedoch die innere Freiheit des evangelischen Christenmenschen und die Errungenschaft der völlig freien Wissenschaft sind.
So waren die Germanen, wie sie noch heute so sind, wo sie reinen Geblütes geblieben.
Wer kann ohne tiefe Ergriffenheit, ohne schwellenden Stolz das gewaltige Schauspiel der Völkerwanderung an sich vorüberziehen lassen, worin doch nur die Germanen, ihr Heldensinn und ihre sittlichen Betätigungen jene Lichtblicke bedeuten, die in dieser Epoche traurigster Entartung südlichen Kultur- und Volkslebens zugleich die einzigen Hoffnungszeichen neuen großen Aufstiegs sind.
Wir sehen da ein politisch bis ins Mark hinein verrottetes Weltreich, das römische, ohne Germanenhülfe unfähig, auch nur einen Tag seine äußere Grenze zu schützen oder im Innern den Bürgerfrieden aufrecht zu erhalten. Wir sehen da als Besitzer dieses verrotteten Weltreiches eine ebenso arg verrottete bürgerliche Gesellschaft, ohne Spur von Gemeinsinn mehr, nicht zu reden von Staatssinn, ohne Spur von Treue und Glauben, wo der Mächtigere und Reichere den Armen und Schwachen lachend bis auf den letzten Blutstropfen ausschröpft, und Herden von Sklaven, die nichts als Arbeitsmaschinen für die Großkapitalisten sind, ein Dasein führen, das aller Menschlichkeit spottet.
Die Germanen sind es, die mit ihrem Gemeinsinn und ihrer Ordnungsliebe, strengen Lauterkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit dem römischen Staatsleben zu Hilfe eilen, genau so wie wenige Jahrhunderte später skandinavische Germanen, die schwedischen Rus, den hilflosen Räuberhorden russischer Slawen auf ihren Ruf und ihre Bitte beispringen. „Unser Land ist groß und gut und mit jeglichem gesegnet", sagten jene Slawen, „aber es fehlt an Ordnung ; kommt, seid unsere Fürsten und beherrscht uns".
Und wie sehr den Germanen der Rechtssinn leitet, zeigt sich auch darin, daß er vom byzantinischen Kaiser vertragsmäßige Abtretung des eroberten Römerlandes verlangt, wie er auch mit den besiegten römischen Untertanen in Verträgen über die neue Grundstückaufteilung sich einigt.
Wer aber die schwersten Arbeiten in der Staatsverwaltung auf sich nimmt, die Rechtsprechung, Ackerverteilung, vor allem die Landesverteidigung und dadurch die Befreiung der Bürger von der unerträglich gewordenen Steuerbelastung: der ist zur Herrschaft im Lande berufen. Diese Herrschaft der Germanen war freilich nur eine verhältnismäßig kurze. Verderblich war es von vornherein, daß die durch vier Jahrhunderte von Nom durchgeführte Absperrung des Reichs gegen die gewohnte Südauswanderung germanischer Stämme von diesen gerade zu derselben Zeit durchbrochen und niedergerungen wurde, als der turanische Osten die tarlarischen Reitervölker der asiatischen Steppe jahrhundertelang zu stets erneutem Anrennen auf das germanisch gewordene Mitteleuropa aussandte. Und verderblich war ebenso, daß es den Germanen nicht gelang, auch in der oströmischen, byzantinischen Hälfte das Kaisertum zu beseitigen, dessen tückische Politik die neuerstandenen Germanenreiche aufeinander hetzte und dadurch aufrieb. Hinzu kam endlich noch die große Gesellschaftsumwälzung durch das