Heft 
(1915) 3
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Christentum, das Rom neue und weit gefährlichere geistige Waffen gegen das Germanentum selbst in Mitteleuropa lieferte.

Das aufreibende Amt der germanischen Minderheit an der Spitze der neuen Staaten, ebenso aber das für uns Nordländer nun einmal unzuträgliche Klima des Südens, brachte die germanische Volksmenge südlich der Alpen bald teils zum Aussterben, teils zum Aufgehen in der hundertfach zahlreicheren Grund­bevölkerung des römischen Reiches. Nur der germanische Adel hielt sich länger.

So hat die weltgeschichtliche germanische Großtat der Bildung neuer kräftiger Staaten in Gesamteuropa, die bald zu neuen Völkern sich umschmolzen, den Germanen als Ganzes, vor allem den heimgebliebenen, reinen Germanen keine Früchte gebracht. Als Dank für die Neuschöpfung Europas nach dem Unter­gänge des römischen Weltreiches wurden sie von den Geschichtsfälschern römischer Zunge wie später von den Romanen, die doch selbst erst eine Schöpfung mit aus germanischem Blute sind,Barbaren" genannt, wie auch die Völkerwanderung und die anschließende merowingische Epoche bei den Romanen heute noch mit Vorliebe die Zeit der invusiong <te8 burbures heißt.

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Große Völker ändern ihren Kern in Jahrtausenden nur wenig." Familien­sinn, Hochschätzung des Weibes und ewig blühende Nachkommenschaft, der Schrecken Südeuropas, war den Germanen nicht nur in den Jahrhunderten der Völker­wanderung eigen, sondern wie noch später, als sie Ostdeutschland und Oesterreich, Nordamerika, Australien und endlich Afrika besiedelten, so auch schon Jahr­tausende vor der sogenannten Völkerwanderung.

Was sich infolge der künstlichen Eindämmung durch die römische Weltmacht während der Völkerwanderung nach Art einer Springflut gestaltete, der Einbruch des gewaltig angewachsenen nordischen Volksüberschusses durch Mitteleuropa nach Ost, West und Süd, das vollzog sich in früheren Jahrhunderten als ein ständiges, allmähliches, fast unauffälliges Herausquellen aus derGebärmutter der Völker", wie der Gote Jordanes noch im 6. Jahrhundert nach Ehr. die skandinavische Urheimat der Germanen bezeichnet^

Um aber wieder eine so große allseitige germanische Völkerwanderung an­zutreffen, müssen wir schon volle zweitausend Jahre über das erste geschichtliche Auftreten der Germanen im 3. Jahrhundert vor Chr. hinaus rückwärtsgehen, also bis ins 3. Jahrtausend vor Chr. Langsam, Jahrhunderte hindurch, aber mit unwiderstehlicher Sieghaftigkeit vollzog sich damals die erste gleichmäßige Germanisierung Europas und großer Teile Vorderasiens. Und diese Germani- sierung war im Gegensatz zu der geschichtlichen Völkerwanderung vollständig und dauernd. Denn erstens war diesmal der Kulturabstand zwischen Siegern und Besiegten mindestens innerhalb Europas ganz unerheblich, höchstens ein Art­unterschied, und dann hielten sich auch bei dem Fehlen von Städten die Siedlungs­art und die Volksdichte auf beiden Seiten so ziemlich die Wage.

Wir stehen hier vor dem weltgeschichtlichen Ereignis, das man früher in sehr unklarer Vorstellung die Zerteilung des indogermanischen Urvolks und die Wanderungen der indogermanischen Einzelstämme in ihre geschichtlichen Heimat­gebiete nannte.

Wie sicher die angeführte Tatsache ist, läßt sich leicht an drei Dingen er kennen.

Bei allen arischen oder indogermanischen Stämmen Europas wie auch Vorderasiens zeigen Denkmäler oder wenigstens schriftliche Nachrichten, daß noch in früh geschichtlicher Zeit die freie, führende Oberschicht des Volkes, insonderheit der Adel genau diejenige Körperbildung besaß, die später als das besondere Merkmal der Germanen und in abgeschwächter Weise auch noch der Kelten galt, also: das goldene Gelock, der Augen Bläue, Zartheit der Hautfarbe, schmales langes Gesicht und ebenso gebildete Nase, hoher schlanker, dabei kräftiger Körper-