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lieber Vater, welch ein Geknatter das war, wie die Kugeln da zwischen und über uns pfiffen, kann ich Dir nicht beschreiben. Mit einem wahren Löwen- muthe durchbrach da unsre Infanterie diesen engen Paß, war noch vor uns am Thore, schoß ein Stangenpferd von dem einen Kanonier todt und drang nun mit der größten Wuth aufs Thor. Da stopft sich nun alles, die franz. Inf. warf sich ganz in Verwirrung auf die Artillerie, diese verfuhr sich, gab nun noch zwei jedoch fruchtlose Schüsse, u. mit donnerndem Hurrah nahmen wir die 4 Kanonen u. 1 Haubitze. Nein, lieber Vater, Dir diesen Jubel zu beschreiben, als die Infanterie uns die Kanonen engegenschleppte u. das verfluchte Thor nun unser war, vermag ich nicht. Jetzt gings in die Stadt, wo die flüchtigen Franzosen sich beinah alle in die Häuser geworfen hatten, u. es aus den Fenstern ganz vernehmlich knasterte. Was die Kavallerie hier verschonen mußte, nahm die Inf. in Empfang. Der Rittm. Bulzinglöwen von unserem Regt, ging mit seiner Haller Schwadron zuerst mitten durch die mit Fr. gespickte Stadt u. besetzte jenseits die Schieferbrücke über die Saale. Jetzt gab es noch ein sehr hitziges Gefecht in der Stadt, in der die Fr. sich überall wie Verzweifelte wehrten, u. beinahe in jedem Hause das Gefecht erneuerten, wodurch natürlich unsere Leute so gereizt wurden, saß sie zuweilen gräßlich massacrirten. Ein Franzose schoß noch in der Thür auf einen Dragoner von meinem Zuge, als dieser ihn eben gefangen nahm u. demungeachtet hatte dieser den Edelmuth, ihm Pardon zu geben. Es waren fast lauter Pariser bei diesem Corps. Hätten wir übrigens nur eine Viertelstunde später den Angriff auf die Batterie gemacht, hätten wir wahrscheinlich mit langer Nase vor Halle wieder abziehen müssen u. das ganze Gefecht wäre zu unserem Nachteil ausgefallen, denn in demselben Augenblick als Thor und Kanonen genommen wurden, bekam Obristl. Vre8l<ovv den Befehl von külE, sich zurückzuziehen, weil die Angriffe auf dem rechten Flügel alle mißlangen. Auf den Bericht unseres Sieges ward der Angriff dort erneuert. Die Fr. mußten sich schon weil wir ihnen in den Rücken kamen, zurückziehen. Gegen Mittag, etwa um 11 Uhr, war das Gefecht entschieden u. größtenteils beendigt. Jetzt strömten die geängstigten Bürger aus ihren Schlupfwinkeln hervor, tanzten, sprangen vor Freunde u. überhäuften die Truppen mit Speise u. Getränk. Dieses wonnige Gefühl nach dem erfochtenen Siege unter den frohen befreiten Bürgern läßt sich nicht beschreiben, u. kein König kann es bezahlen. Und wie schön schmeckte es jetzt, nachdem wir gerade 12 Stunden lang auf den Pferden gehangen, uns u. unseren Pferden. Daß übrigens nicht faßt die Hälfte unserer Schwadron geblieben ist, kann ich mir noch kaum erklären. Gott hat uns wunderbar beschützt. Vreskovv und besonders der Adj. XVsrn8clork war ganz außer sich vor Verwunderung als er hörte, daß unser Verlust so gering sey. Beim Aufnehmen des Pallaschs habe ich mich übrigens selbst im Finger blessirt, u. daß mein Pferd an der Hüfte eine Spanne lang gestreift u. ein Finger breit das Fell abgerissen ist, bemerkte ich erst hier. — Nachmittags gingen unsere beiden Schwadrons Jäger auf den äußersten Vorposten gegen tÄer3ebur§. Die Fr. stehen hier nur in V. . . . vor uns u. scharmutziren täglich mit unfern Vedetts. Gestern bekamen wir, da unser Posten sehr isolirt und etwas gefährlich ist, noch 2 Füsilierkompagnien hierher. Ich denke mir, wir werden sie Wohl bald auch aus Merseburg delogieren. Vorgestern nachdem unser Gefecht beendigt war, fing eine starke Kanonade b. Lütgen an. Zuletzt haben wir die Nachricht, daß Blücher dort die Fr. ich glaube mit Vork aufs Haupt geschlagen habe. Dies sagen auch die Ueberläufer. Prinz Heinrich soll geblieben und Blücher durch den Arm geschossen seyn. Die Desertion ist übrigens bei den Fr. so ungeheuer, daß blos gestern und heut hier an unsere Vorposten über 100 Ueberläufer angekommen sind.
Nun leb wohl, lieber Vater, grüße die Mutter, Geschwister und Freunde recht herzlich von
Deinem treuer Sohn
Hans.