Heft 
(1920) 2
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Charlottenburg, 22. December 1849

Gnädige Frau,

Ich habe im lebendigen Gefühl der Pflichten, welche meine Eigenschaft als oberster Schirmvogt der Abtey zum Heiligen Grabe mir auf­erlegt, mit dem Ern st der Wahrheit und in der Liebe die iyi Glauben wurzelt, einige Worte an Sie zu richten. Nehmen Sie dieselben mit derselben Liebe auf!

Sie wollen das wichtige Amt der Aebtissinn niederlegen! Sie wollen das in einer Zeit, wo wahre Verbesserungen im Innern des Stiftes dasselbe seiner Bestimmung als geistliche Stiftung, als kirchliche Congregazion wieder würdig gestalten soll. Sie haben bey Realisirung dieser heilsamen Pläne meine Hülfe und Sorgfalt erfahren und wissen wie sehr sie mir am Herzen liegen, wie tief mich das Scheitern derselben betrüben würde und welche Hoffnungen die Königinn und ich, für das Stift, auf Ihre glaubensvolle Liebe und Ihr energisches Wollen gebaut haben.

Dennoch wollen Sie, gnädige Frau Ihr heiliges und gedeihliges Amt niederlegen! Warum? Weil confesstonelle Skrupel Sie bewegen zu verlangen, daß über dem Stifte nur eine rein luthrische Behörde stehe; weil diese Skrupel Ihnen verbiethen einer andern als einer reinluthrischen Behörde zu gehorchen, mit Einem Worte, weil Sie sich, sannnt dem Stifte von der Landes Kirche trennen wollen und weil Sie da weder das Stift, noch die Pfarreyen noch die Bewohner des Stiftsgebiethes aus dem Kirchen-Regimente scheiden wollen entschlossen sind Ihren Skrupeln zu Weichen und ihre Würde niederzulegen.

Meine Gnädige Frau, es giebt in der Geschichte der Menschheit unbedingt nichts Größeres und Begeisterndes als der Anblick von Menschen, die Stand, Amt, Ehre und Leben daran geben um Gottes Willen und nicht Mensche n-Geboth gegen Gottes Willen zn erfüllen. Die Herrlichkeit dieser Erscheinung wird aber absolut bedingt durch die Erkenntniß des Gött­lichen Willens und durch das Bekenntniß auf die ewige Wahrheit unsres Hehls. In diesen Bedingungen allein beruht die beständige Glorie der Bekenner- und Märtyrer des alten und des neuen Bundes. Weil diese Bedingungen er­füllt sind, darum sind die Erscheinungen Eleasars und der Mutter mit den 7 Söhnen, darum die der Marter des Stephanus und Jacobus und der christl. Jungfrauen Agatha, Agnes Catharina so unbeschreiblich herrlich denn: der HErr hatte im alten Bunde die unreine Speise verbothen der HErr hat im neuen Bunde das Götzen Opfer verbothen. Meine Gnädige Frau, wählen Sie sich selbst die Opfer Beyspiele aus dem alten und neuen Testamente, aus der bewährten Geschichte der Kirche vor und nach der Reformazion, namentlich aus den theuern Zeugen der reinen evangelischen Lehre herab bis auf die Be­kenner unter Ludwig XIV. und bis auf die neusten Zeiten und citiren Sie mir Ein Beyspiel an welchem Sie das, welches Sie den Gläubigen jetzt geben wollen, aufrichten an welches sie es lehnen könnten?! Ich bin so glücklich, nein Sie selbst vielmehr sind so glücklich, daß ich Sie citiren kann mit dem Beyspiel, daß Sie gegeben als Sie vor einer Reihe von Jahren, um Ihres treuen und, in der Liebe zu Verlassenen thätigen Bekenntnisses Willen aus dem­selben damals entchristlichten Stifte ausgestoßen wurden, dessen Aebtissinn Sie cheute sind. Sollte eine so wunderbare Führung Ihnen nicht ein Fingerzeig vom HErrn seyn in geheiligter Geduld auszuharren und Ihm damit die Dankes­schuld abzutragen? Doch ich fahre fort. Damals Pries ich Sie seelig, denn Sie litten um Wohlthat und um des Glaubens Willen und mir schlug das Herz vor Wonne als mir's gelungen war dies Aergerniß im Kloster rückgängig zu machen. Jetzt, wegen Ihres selbsterwählten Martyrerthums kann ich Sie, meine liebe, theure Frau Aebtissinn nicht seelig preisen; denn ich kann 1) Ihre Beweg-Gründe nicht theilen 2) Ihre Forderungen nicht billigen 3) die Folgen ihrer Handlungsweise als unseelig für die Kirche