Führung durch das Museum.
Naturwissenschaftliche Sammlung. Schrank: Nordseestrand bei Ebbe.
Nicht weit von dem Heimatmuseum Heiligengrabe fließt der kleine Bach die Nadel, schlängelt sich als schmales Band durch die Wiesen und ergießt sein Wässerchen in die Dosse, die gnädig den kleinen Rinnsal mitführt. Sie trägt ihn weiter in die Havel. Diese nimmt die flutenden Wassermengen auf und führt sie der Elbe zu, und die Elbe, der starke schifftragende Strom, gespeist von allen Quellen, Bächen, Flüssen unserer Heimat, ergießt sich breit und gewaltig in das Meer, in die Nordsee.
Dort, wo ihr süßes Gewässer sich mit der Salzflnt vermengt, an der Elbmündung, der tiefen Fahrstraße, die früher unsere herrlichen Ozeandampfer hinaustrug, bis sie das offene Meer erreichten, dort dehnt sich langgestreckt die Nordseeküste hin von Cuxhaven hinaus über Duhnen. Dort blickt der Leuchtturm von Neuwerk herüber, und hinter Neuwerk liegt Scharhörn, die Sandinsel mit der weit vorgebauten Stnrmbake für Schiffbrüchige, die etwa hier stranden.
Diese ganze Strecke ist ein Paradies für unsere Vogelwelt, die hier einen über die Maßen reich gedeckten Tisch findet und die deshalb auch diesen Küstenstrich in unendlichen Scharen bevölkert. Von hier stammen auch all die zahl- reicheu Vogelarten, die in dem letzten großen Schrank unserer naturwissenschaftlichen Sammlung unter der Bezeichnung „Nordseeküste bei Ebbe" ausgestellt sind. Auf dem gemalten Hintergrund des Schrankes sehen wir unendlichen Himmel und das ferne, weiß schäumende Meer, über dem die Möven kreisen. Im Vordergründe sehen wir den Strand, wie er sich zeigt, wenn die Flut zurückweicht. Wie ein Auf- und Abschwellen, ein Aus- und Einatmen in wunderbar regelmäßigen Abständen sind Ebbe und Flut. Wo vor Stunden noch das Meer an die Küsten donnerte und ungestüm nach den Dünen zu greifen schien, liegt jetzt in fast trauriger, aber großartiger Oede das Watt: grauer Meeresgrund, von tiefen Priehlen durchschnitten, von kleinen Wasserpfützen, von weißschimmernden Mnschelhaufen bedeckt. Aber der Eindruck der Oede kommt nicht auf, weil das Leben, das darüber wimmelt, so unendlich, so vielfältig ist. Haben all die zahllosen Vogelarten doch nur auf den Augenblick gewartet, in dem das zurückweichende Meer ihnen den Reichtum freigibt, den es herantrug. In all den kleinen Wasserlachen wimmelt es von Krabben, von kleinen Krebsen, von Seesternen und tausenderlei wohlschmeckendem Seegetier. Stärkere Schnäbel, wie die des Austernfischers können sich auch an die Muscheln wagen. Ebenso sind die Röhren- oder Ufcrwürmer ein Leckerbissen, die zu Tausenden in dem harten Meeresgrund sitzen, und in stiller, unmerklicher Arbeit den Boden in ein Erdreich verwandeln, das für den Menschen bewohn- und bebaubar sein wird, wenn es ihm einmal gelingt, es dem Meere abzutrotzen.
Am zahlreichsten sind unter den Vögeln der Nordseeküste Wohl die Seeschwalben vertreten. Von den mancherlei Arten dieser schlanken, behenden und anmutigen Geschöpfe zeigt unser Schrank drei: die Schwarze, die Zwerg- und die Küsten-Seeschwalbe.
Die Schwarze Seeschwalbe ist im allgemeinen mehr ein Binnen- als ein Küstenvogel. Sie taucht am Meeresstrand nur vereinzelt auf, etwa im Herüberfliegen von den Weideplätzen, auf denen sie gern den Insekten nachjagt oder von den stehenden Gewässern und Sümpfen, die ihr Libellen und kleine Fischchen liefern. Die K ü st e n - S e e s ch w a l b e aber ist eine Meeresstrandbewohnerin. Zil Tausenden ist sie hier zu treffen, in fröhlicher Geselligkeit, im eifrigen Jagen nach Nahrung und auf ihren Brutplätzen, die schon von fernher durch das durchdringende Geschrei ihrer Bewohner kenntlich sind. Die Küsten- Seeschwalbe brütet gern am flachen, mit kurzem Graswnchs bedeckten Strand. Sie legt ihre Eier an die Erde, etwa in eine zufällige Vertiefung oder auch auf den ebenen Boden. In der Regel sind es drei. An warmen Tagen überläßt sie der Sonne das Brüten, an Regentagen wechseln Weibchen und Männchen