Heft 
(1885) 34
Seite
798
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Deutsche Nornan-Bibliothek.

ras Uetöfy.

Roman

von

Tlieoilor Fontane.

(Schluß.)

Einunddreißigstes Kapitel.

^ er Graf war spät Abends, wie sein Telegramm gemeldet, wieder auf Schloß Arpa eingetroffeu, aber erst am andern Morgen begrüßte man sich. Er war sehr heiter und auf­geräumt und erzählte von allerlei Zwischenfällen. Ein feiner Sinn für das Komische, der ihn auszeichnete, gab all' feinen Schilderungen Kolorit und Leben.

Aber nun will ich wissen," fuhr er fort,was inzwischen hier vorgegangen ist, hier und draußen in der Welt. Denn ich habe feit vier Tagen kein Zeitungsblatt in der Hand gehabt und weiß nicht einmal, ob Gambetta mittlerweile feine Revanche genommen hat oder nicht. Ich vermuthe, nicht, aber es wäre mir lieb, die Bestätigung Zu hören. Und zwar möcht' ich sie, wenn es sein kann, von Schwester Judith hören. Ja, Judith soll lesen, hält sie doch ohnehin seit einer Viertelstunde das Zeitnngsblatt in der Hand und wartet daraus, daß ich schweigen soll. Ich habe mich Zwar in meinem Redestrom durch ihre stille Kritik nicht stören lassen, aber doch beständig gefühlt, daß sie mit ihrer Ungeduld und ihrer Trauermiene meinem ganzen Grnzer Komitats- vortrage das Mark ansgesogen hat. So denn zur Strafe, Judith, lies und fange mit Frankreich an. Es ist immer noch das Interessanteste. Selbst ihr Gezänk ist voller Leben."

Er sprach weiter und schien es mit seinem Ver­langen, etwas aus der Welt hören zu wollen, nicht allzu dririglich gemeint zu haben. Endlich aber ent- sann er sich wieder und sagte:Nun, was hast Du gefunden? Gib uns die Quintessenz."

Ich habe nichts gefunden, Adam. All' diese Zänkereien, die Dich interessiren, interessiren mich nicht, und was mich wiederum interessirt, das sind Anekdoten und Notizen, über die Du spöttisch hingehst."

Es käme doch aus einen Versuch an. Ich bin schließlich auch durchaus der Mann der Anekdote."

Nun denn, im Hospitale zu Charenton, so be­richtet hier die ,Augsburgerinfi ist hnndertunddrei Jahre alt ein Mensch gestorben, den man allgemein den Glasmenschen nannte."

Sonderbar. Ein l'bomms äs tsr ist mir auf meinen Weltfahrten irgendwo vorgestellt worden, ich glaub' in Straßburg. Aber ein l'llomms äs vsrrs ist mir neu. Warum hieß er so?"

Weil er sich selber einbildete, von Glas zu sein."

Also durchsichtig?"

Ja."

Sagt die Notiz nichts weiter? Du bist so einsylbig, Judith. Ich möchte mehr wissen. Wie verbracht' er sein Leben?"

Er lebte korrekt."

Nur in der Ordnung. Wer von Glas ist, hat die Verpflichtung, korrekt Zu leben; er kann ja jeden Augenblick in seinem Triebwerk kontrolirt werden. Was meinst Du, Franziska?"

Diese senkte den Blick, überwand sich aber und sagte:Die Seele, mein' ich, bleibt unsichtbar."

Ja, die Seele. Aber es wäre schon immer was, das Herz arbeiten zu sehen."

Es ist das so nöthig nicht," sagte Judith. Alles hat seinen Wiederschein, und auch das Herz spiegelt sich. Wir sind Alle viel mehr Glasmenschen, als Du glaubst, Bruder. Und es ist schließlich auch ein Glück, daß es so ist."

Aber ein größeres noch, daß es als Regel nicht so ist. Nur der Jrrthum ist das Leben."

Oder die Wahrheit."

Ach, die Wahrheit? Glaube mir, Judith, die Welt bleibt ewig in der alten Pilatusfrage stecken."

Egon, als dieß Gespräch schwieg, trat ans die Veranda. Dann kam er zurück und entschuldigte sich für den Tag, er habe eine Verabredung; Fasancn- jagd mit Szabo. Nach ihm erhob sich auch Fran­ziska, der der Boden unter den Füßen brannte. War dieß Alles Zufall, oder war es mehr? Sie ging auf ihr Zimmer, froh, aus dem Kreuzfeuer heraus zu sein.

Nur Graf Adam und Gräfin Judith blieben, Jedes anscheinend in seine Lektüre vertieft. Aber die Gräfin war es nicht, und als eine kleine Weile ver­gangen war, legte sie die Zeitung nieder und sagte: Hast Du noch nicht an Aufbruch gedacht, Adam? Ich meine nach Wien. Die Tage werden kurz..."

Und Dir zu lang," unterbrach der Gras.Der kleine Mann unten ist freilich kein Pater Feßler; aber Pardon, Judith, so steht nicht Jeder zu dieser Sache. Was sollen wir jetzt in Wien? Es ist noch um einen Monat Zu früh, und verlängern wir die Saison um diese vier Herbsteswochen, so nehmen die Frühjahrswochen kein Ende. Zudem bin ich einigermaßen Gewohnheitsmensch und treffe nicht gern vor dem zweiten Dezember in Wien ein. Also wenn Du willst, auch ein Mann des zweiten Dezember."

Ich würde mich nie so nennen, Adam, auch im Scherz nicht. Und nun gar Du, der im Aberglauben steckt. Aber was ich Dir sagen wollte: Du verfällst zu sehr in Deinen alten Fehler."