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Deutsche Roman-Bibliothek.
im Stadtpalais, in dem man inzwischen eine Reihe neuer Zimmer eingerichtet hatte, nach dem Rechten sehen Zu wollen, in Wahrheit aber lag ihm nur daran, ein Zusammensein mit Egon in demselben Coupö zu vermeiden. Er fühlte deutlich, daß er den rechten Ton nicht treffen, auch vielleicht der ihm eigenen Neigung Zn Sarkasmen nicht immer widerstehen werde, was, wenn unberechtigt, einfach beleidigen, und wenn berechtigt, als ein Auskunfts- Mittel in Altweibermanier erscheinen mußte. Dein Einen aber wie dem Andern wollte er sich entziehen. In Wien ließen sich dann die Begegnungen einschränken, wenn sich dieß, was doch immer noch in Zweifel lag, überhaupt als wüuschenswerth Herausstellen sollte. Die Zerstreuungen der großen Stadt waren jedenfalls das beste Mittel, ihm einen freieren Blick und ein eigenes, selbstständiges Urtheil zurückzugeben.
Wirklich, diese Zerstreuungen übten auch ihre Wirkung auf ihn, und sie konnten es um so leichter, als sich seinem anscheinend nur oberflächlich, in Wahrheit aber scharf beobachtenden Auge nichts zeigte, was dem in seiner Seele wachgerufenen Argwohn irgend welche Nahrung hätte bieten können. Egon, wenn er Abends im Salon der alten Gräfin erschien, war ernster und schweigsamer als gewöhnlich, aber in seinem Benehmen gegen Franziska ließ sich weder eine besondere Zurückhaltung, noch auch eine besondere Vertraulichkeit entdecken. Und so durfte es denn nicht Wunder nehmen, daß dem alten Oheim wenn nicht ein volles Vertrauen, so doch ein gewisser seelischer Mittelzustand zurückkehrte, der gerade hoffnungsreich genug war, ihn zur Eröffnung der Saison eine musikalische Soiree mit sich anschließender Ballfestlichkeit veranstalten zu lassen, eine Reunion, zu der außer der Künstler- und Gelehrtenwelt auch alle diejenigen Personen der Aristokratie geladen worden waren, ans deren Erscheinen man mit Sicherheit rechnen durste.
Man hatte nur noch drei Tage. Da jedoch alle Vorbereitungen längst getroffen worden, so waren gerade diese Tage freie Tage, die denn der Graf auch vorhatte, so gut wienerisch wie möglich, im Theater also, zu verbringen. Das Gastspiel eines ausgezeichneten norddeutschen Künstlers, der zugleich ein besonderer Liebling des Grafen war, forderte noch besonders dazu auf.
„Ich habe für heut Abend zu der Vorstellung unseres alten Freundes eine Loge genommen," sagte der Graf, als er Franziska beim zweiten Frühstück begrüßte. „Wir werden ihn, nachdem wir die .Partie Piquell und leider auch die .beiden Klingsberge' versäumt haben, wenigstens in einer neuen Rolle sehen."
„Und in welcher?" fragte Franziska.
„Als Herzog von Chevreuse; ein Seribe'sches oder Dumas'sches Stück mit gleichgültigem Titel und gerade schon wieder alt genug, um als neu gelten zu können. Ich entsinne mich, es in den letzten Louis Philipp-Tagen in Paris gesehen zu haben, habe jedoch keine Ahnung mehr, was es ist."
„Seinem Titel nach sehr wahrscheinlich eines jener französischen Memoirenstücke, die nie schlecht
und nie gut sind und mir immer ein llorreur waren. In meiner Erinnerung haben sie nicht bloß alle dieselbe Physiognomie, sondern auch dieselben Personen: einen König und eine Königin, eine merkwürdig naive Prinzessin, ein paar Herzoge mit pomphaften Namen einschließlich irgend einer Maintenon oder Pompadour und dazwischen ein Perin oder Figaro, der Alles einsädelt oder nasführt, oder wohl gar ein Narciß, der der ganzen Grandseigneurschaft die haarsträubendsten Sottisen sagt."
„Schau', Fränzl," entgegnete der Graf, der diesen Ton liebte, „Du hast ja Deine gute Laune wieder. Ich sehe nun, daß es Zeit war, aus unserem alten Dohlennest aufzubrechen; die Wiener Luft athmet sich doch besser und legt sich Dir weicher um's Herz, nicht wahr? Ich Hab' übrigens die Loge links genommen, die größere, denn ich rechne nicht bloß auf Egon, der sich angesagt hat, sondern auch auf Judith. Sie muß durchaus einmal heraus und nicht immer nur Feßler sehen und von der heiligen Genoseva hören."
Und wirklich, die gute Gräfin, in der sich aller Frömmigkeit unerachtet doch dann und wann noch die Wienerin alter Tage regte, hatte sich bestimmen lassen, der Vorstellung beizuwohnen, und eine kleine Zeit nach Beginn derselben erschien man allerseits und nahm die Plätze: Gräfin Judith und Franziska vorn, dahinter der alte Gras sammt Egon und Graf Pejevics, welcher letztere sich ihnen im Foyer erst angeschlossen und den eigenen Platz im Stiche gelassen hatte. Zu Beginn des Stückes wandte sich Franziska mehrfach um und schien, während sie Petöfy freundlich zunickte, fragen zu wollen: „Ist es nicht genau das, was ich Dir im Voraus erzählt habe?" Bald aber wurde sie befangen und unruhig, und als die große Szene kam, in der der alte Herzog in altsranzösischer Ritterlichkeit immer noch Worte des Vertrauens an den Galan seiner jungen und bereits in Schuld verstrickten Herzogin richtete, stieg ihr das Blut derart zu Kopf, daß es sie momentan wie Schwindel und Ohnmacht überkam. Aber es schwand wieder und die tiefe Bewegung ihres Herzens war zuletzt doch größer als alle Furcht und Verlegenheit, und eine Thräne fiel auf den Handschuh ihrer auf der Brüstung ruhenden linken Hand. Der alte Graf, in dessen Herzen der Inhalt des Stückes alle Zweifel und Bitternisse der letzten Wochen wieder lebendig werden ließ, war in kaum geringerer Erregung, aber er bezwang sich und bewahrte gute Haltung bis Zuletzt.
„Es erscheint nur outrirt," sagte Judith, die nach dem Fallen des Vorhangs noch wie herkömmlich in der Loge blieb, um sich die Woge draußen erst verlausen zu lassen. „Wirklich, Adam, ich find' es übertrieben."
„Ich auch," lachte dieser in einer ihm plötzlich und beinahe ungezwungen zurückkehrenden guten Laune. Von Grund aus nervös und allem Komischen zugänglich, entsproß ihm aus der Alltagsbetrachtung seiner Schwester eine Fülle wirklicher Heiterkeit. Im Uebrigen aber enthielt er sich jedes Eingehens auf das Stück und begnügte sich damit, das Spiel des Gastes, den er in anderen Rollen so hoch stellte.