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Deutsche Noman-Gibliothek.
und ihr statt des entsetzlichen ,tlls llLiläkorelllell das etwas besser klingende ,tllo rioZ, rllo Zurufen? Es gibt hundert Ringe, hunderttausend, und der Boden, aus dem ich steh', ist recht eigentlich der Fruchtboden aller bösen Einbildungen."
Und so fuhr er fort, seinen Verdacht geflissentlich einlullend, Alles, was ihm eben noch als Beweis gegolten hatte, wieder wegzubeweisen.
In aller Frühe war er auf und fand sich pünktlich um neun Uhr beim Frühstück ein; aber Franziska fehlte noch und statt ihrer erschien Hannah und meldete: die Gräfin ließe sich entschuldigen, auch für den Tag; aber zum Thee werde sie drüben bei Gräfin Judith sein und hoffe den Grafen dort zu treffen.
„Was ist es, Hannah?"
„Ein Fieber. Sie hat kein Auge zugethan."
„Ein Fieber. Ist das Alles? Ich finde die Gräfin seit Kurzem so verändert. Was meinst Du?"
„Verändert? Vielleicht... Ich weiß es nicht."
„Ich weiß es nicht," wiederholte der Graf, als Hannah gegangen war. Und damit brach Alles, was er am Abend vorher mühsam von sich wegbewiesen hatte, wieder über ihn herein und ließ sein ganzes Trostgebäude Zusammenstürzen. „Ich weiß es nicht... Wahrlich, es klang fast, als ob ich Franziska selber fragen solle. Soll ich es? Sie würde sich mir unterwerfen und nichts leugnen und ihre Schuld auf sich nehmen. Ihre Schuld? Schuld, Schuld! Daß das häßlich anmaßliche Wort mir immer wieder auf die Lippe tritt, daß ich es nur zu denken wage! Hab' ich ihr nicht selber im Voraus den Ablaßzettel in die Hand gegeben? Bin ich nicht das Kind, das etwas wieder haben will, das es zuvor weggeschenkt hat? Bin ich nicht der Gläubiger, der bis ultimo garantirt hat und am dritten Tag Zahlung verlangt? Und wenn ich den Ausgang ans dem Wirrsal nicht finden kann oder wenigstens nicht den, der in's Lichte führt, wer ist schuld? Wer? Ich, ich allein. An mir ist es, die Konsequenzen eines falschen Exempels aus mich zu nehmen, und ich will es und werd' es."
Und nach einer Weile fuhr er ruhiger fort: „Eine der lästigsten Erscheinungen in Leben und Gesellschaft ist mir immer der Störenfried gewesen; ich mag seine Rolle nicht spielen. Und zudem, was ist der Einzelne? Nichts. Und nun gar der Einzelne, wenn er gelebt hat und seine Tage hinter ihm liegen. Es kann auch ein Glück sein, ja, ein letztes und höchstes Glück, dem Glück Anderer die Wege zu bereiten."
Er rief Andras, ließ sich anklciden und ging in die Stadt, um inmitten ihres bunten Treibens den Tag zu verbringen. Er freute sich an Allem und war in der Stimmung wie Jemand, der aus einer schönen Gegend scheidet und im Abschiede sich das Bild derselben noch einmal fest und warm in's Herz prägen will. Er sah in Sankt Stephan hinein, wo man eben ein Hochamt celebrirte, ging dann den Kohlmarkt hinunter und trat in die Kirche der Augustiner, zu der das Haus Petöfy von alter Zeit her hielt. Ein paar Lichter brannten, ein Wispern und Murmeln ging, und er sah still aus die Stelle vor dem Altar und gedachte des Tages, an dem er das letzte Mal hier gestanden hatte. Dann verließ er
die Kirche wieder, nahm sein Diner, las eine Zeitung und vergnügte sich eine Weile vor der „Burg", wo die Vorstellung eben begonnen haben mußte. Dann aber ging er wieder auf sein Palais zu, denn die Stunde war nahe, wo man sich bei Schwester Judith zu versammeln Pflegte.
Wirklich, Franziska war da. Sie saß neben Feßler und plauderte mit ihm in jenem neckischen Tone, der von ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen beibehalten war und namentlich dem Pater ein ersichtliches Behagen weckte. Graf Pejevics war ebenfalls zugegen, Egon aber fehlte, was Feßler veranlaßt, nach dem „Jüngstverwundeten der kaiserlichen Armee" zu fragen, aber zugleich auch nach dem „mitlädirten Jnkulpaten, dem kleinen Ringe", — Fragen, an die sich dann wie von selbst ein Ring- und Rittginschriftengespräch anschloß, zu dem Jeder nach Kräften, am meisten aber Graf Pejevics beisteuerte, der ein Numismatiker war und durch allerlei Kuriositäten und Niedlichkeiten überraschte. Nur Feßler hatte geschwiegen, bis er zuletzt, nach seiner Lieblingsdevise befragt, unter Lächeln bemerkte, daß es sonderbarerweise der Ring- oder Petschaftsspruch eines Protestanten sei, der ihm unter Allem, was er ans diesem Gebiete kenne, den nachhaltigsten Eindruck geinacht habe.
„Eines Protestanten?" fragte Judith neugierig. „Wessen?"
„Thomas Carlyle's."
„Und der Spruch selbst?"
„ Entsage!"
Niemand antwortete. Nur Franziska sagte: „Wie schön!"
Eine momentane Stille folgte.
„Kannst Du's?" fragte der alte Graf leise, während sich das wieder lebhafter werdende Gespräch der Anderen einem neuen Thema zuwandte.
Sie sah eine Weile vor sich hin. Dann aber hob sie das Auge wieder still und ruhig und sah ihn an, und etwas wie Wehmuth und Bitte lag in ihrem Blick.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Er war durch diesen Blick entwaffnet, Zugleich in seinem Herzen bewegt und nahm Franziska's Hand und küßte sie, dann rasch aufbrechend sprach er von Briefen, die noch zu schreiben seien, und ging in den andern Flügel hinüber. Hier nahm er an seinem Schreibtisch Platz, erhob sich aber bald wieder, um aus und ab schreitend erst ruhiger in seinem Gemüthe zu werden
„Es war eiir Bekenntniß, wie sie mich so ansah und mich mit ihren klugen Augen ihr zu verzeihen bat. Aber was soll ich ihr verzeihen? Was ist zu verzeihen? Nichts. Ich hatte mir, während ich sie beständig warnte, das Leben nicht als Märchen zu nehmen, doch meinerseits ein Märchen ausgedacht, und ihr guter Wille, mir zu Willen zu sein, bestärkte mich über all' meine Weisheit hinaus in dem Glauben an eine Märchcnmöglichkeit. Ja, ihr guter Wille, mir zu Willen zu sein! Das war es; sie hat mich einfach verwöhnt. Hätte sie mir von Anfang all gesagt: ,Aber Eines muß sein, Petöfy, darauf dring'