Heft 
(1892) 71
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Frau Jenny Treibel.

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kluger Kerl war und sich aufrichtig gegen all' den Hochmuth aufrichtete, fuhr jetzt fort:Du sprichst da von Undank und Skandal und Blamage, und fehlt eigentlich bloß noch das WortUnehre", dann hast Du den Gipfel der Herrlich­keit erklommen. Undank. Willst Du der klugen, immer heitren, immer unter- haltlichen Person, die wenigstens sieben Felgentreu's in die Tasche steckt nächststehender Anverwandten ganz zu geschweigen willst Du der die Datteln und Apfelsinen nachrechnen, die sie von unserer Majolikaschüssel, mit einer Venus und einem Cupido darauf, beiläufig eine lächerliche Pinselei, mit ihrer zierlichen Hand heruntergenommen hat? Und waren wir nicht bei dem guten alten Professor unsererseits auch zu Gast, bei Wilibald, der doch sonst Dein Herzblatt ist, und haben wir uns seinen Brauneberger, der ebenso gut war wie meiner, oder doch nicht viel schlechter, nicht schmecken lassen? Und warst Du nicht ganz ausgelassen und hast Du nicht an dem Klimperkasten, der da in der Putzstube steht, Deine alten Lieder 'runtergesungen? Nein, Jenny, komme mir nicht mit solchen Ge­schichten. Da kann ich auch 'mal ärgerlich Werden . . ."

Jenny nahm seine Hand und wollte ihn hindern weiter zu sprechen.

Nein, Jenny, noch nicht, noch bin ich nicht fertig. Ich bin nun 'mal im Zuge. Skandal sagst Du und Blamage. Nun, ich sage Dir, nimm Dich in Acht, daß aus der bloß eingebildeten Blamage nicht eine wirkliche wird und daß ich sage das, weil Du solche Bilder liebst der Pfeil nicht auf den Schützen zurückfliegt. Du bist auf dem besten Wege, mich und Dich in eine unsterbliche Lächerlichkeit hineinzubugsiren. Wer sind wir denn? Wir sind weder die Montmorench's noch die Lusignan's von denen, nebenher bemerkt, die schöne Melusine herstammen soll, was Dich vielleicht interessirt- Wir sind auch nicht die Bismarck's oder die Arnim's oder sonst was Märkisches von Adel, Wir sind die Treibel's, Blutlaugensalz und Eisenvitriol, und Du bist eine geborne Bürstenbinder aus der Adlerstraße. Bürstenbinder ist ganz gut, aber der erste Bürstenbinder kann unmöglich höher gestanden haben als der erste Schmidt. Und so bitt' ich Dich denn, Jenny, keine Uebertreibungen. Und wenn es sein kann, laß den ganzen Kriegsplan fallen und nimm Corinna mit so viel Fassung hin, wie Du Helene hingenommen hast. Es ist ja nicht nöthig, daß sich Schwiegermutter und Schwiegertochter furchtbar lieben, sie heirathen sich ja nicht; es kommt auf Die an, die den Muth haben, sich dieser ernsten und schwierigen Aufgabe allerpersönlichst unterziehen zu wollen . . ."

Jenny war während dieser zweiten Hälfte von Treibel's Philippika merk­würdig ruhig geworden, was in einer guten Kenntniß des Charakters ihres Mannes seinen Grund hatte. Sie wußte, daß er in einem überhohen Grade das Bedürfniß und die Gewohnheit des Sichaussprechens hatte, und daß sich mit ihm erst wieder reden ließ, wenn gewisse Gefühle von seiner Seele herunter­geredet waren. Es war ihr schließlich ganz recht, daß dieser Act innerlicher Selbstbefreiung so rasch und so gründlich begonnen hatte; was jetzt gesagt worden war, brauchte morgen nicht mehr gesagt zu werden, war abgethan und gestattete den Ausblick auf friedlichere Verhandlungen. Treibel war sehr der Mann der Betrachtung aller Dinge von zwei Seiten her, und so war Jenny denn völlig überzeugt davon, daß er über Nacht dahin gelangen würde, die ganze Leopold'sche