Heft 
(1892) 71
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Frau Jenny Treidel.

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herzlichen Gefühle für Dich kennst Du so gut. wie wir sie kennen, Gefühle, die, wenn ich recht beobachtet habe, gerade neuerdings wieder in einem beständigen Wachsen begriffen sind. Es liegt so, daß ich, so weit das in einem Briefe möglich, ausführlicher darüber zu Dir sprechen möchte. Mitunter, wenn ich sie so blaß sehe, so gut ihr gerade diese Blässe kleidet, thut mir doch das innerste Herz Weh, und ich habe nicht den Muth, nach der Ursache zu fragen. Otto ist es nicht, dessen bin ich sicher, denn er ist nicht nur gut, sondern auch rücksichtsvoll, und ich empfinde dann allen Möglichkeiten gegenüber ganz deutlich, daß es nichts Anderes sein kann als Heimweh. Ach, mir nur zu begreiflich, und ich möchte dann immer sagen,reise, Helene, reise heute, reise morgen, und sei versichert, daß ich mich, wie des Wirtschaftlichen überhaupt, so auch namentlich der Weißzeugplätterei nach besten Kräften annehmen werde, gerade so, ja mehr noch als wenn es für Treibel wäre, der in diesen Stücken auch so difficil ist, difsiciler als viele andere Berliner." Aber ich sage das Alles nicht, weil ich ja weiß, daß Helene lieber auf jedes andere Glück verzichtet, als auf das Glück, das in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht liegt. Vor Allem dem Kinde gegenüber. Lizzi mit auf die Reise zu nehmen, wo dann doch die Schulstunden unterbrochen werden müßten, ist fast ebenso undenkbar, wie Lizzi zurückzulassen. Das süße Kind! Wie wirst Du Dich freuen, sie wieder zu sehen, immer vorausgesetzt, daß ich mit meiner Bitte keine Fehlbitte thue. Denn Photographien geben doch nur ein sehr ungenügendes Bild, namentlich bei Kindern, deren ganzer Zauber in einer durch­sichtigen Hautfarbe liegt; der Teint nüancirt nicht nur den Ausdruck, er ist der Ausdruck selbst. Denn wie Krola, dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst, erst neulich wieder behauptete, der Zusammenhang zwischen Teint und Seele sei geradezu merkwürdig. Was wir Dir bieten können, meine süße Hildegard? Wenig; eigentlich nichts. Die Beschränktheit unsrer Räume kennst Du; Treibel hat außerdem eine neue Passion ausgebildet und will sich wählen lassen, und zwar in einem Landkreise, dessen sonderbaren, etwas wendisch klingenden Namen ich Deiner Geographiekenntniß nicht zumuthe, trotzdem ich Wohl weiß, daß auch Eure Schulen Wie mir Felgentreu (freilich keine Autorität auf diesem Gebiete) erst ganz vor Kurzem wieder versicherte den unsrigen überlegen sind. Wir haben zur Zeit eigentlich nichts als die Jubiläumsausstellung, in der die Firma Dreher aus Wien die Bewirthung übernommen hat und hart angegriffen wird. Aber was griffe der Berliner nicht an daß die Seidel zu klein sind, kann einer Dame wenig bedeuten und ich wüßte wirklich kaum etwas, was vor der Eingebildetheit unserer Bevölkerung sicher wäre. Nicht einmal Euer Hamburg, an das ich nicht denken kann, ohne daß mir das Herz lacht. Ach, Eure herrliche Buten-Alster! Und wenn dann Abends die Lichter und die Sterne darin flimmern ein Anblick, der den, der sich seiner freuen darf, jedesmal dem Irdischen Wie entrückt. Aber vergiß es, liebe Hildegard, sonst haben wir Wenig Aussicht, Dich hier zu sehen, was doch ein aufrichtiges Bedauern bei allen Treibel's Hervorrufen würde, am meisten bei Deiner Dich innig liebenden Freundin und Tante Jenny Treibel.

Nachschrift. Leopold reitet jetzt viel, jeden Morgen nach Treptow und auch nach dem Eierhäuschen. Er klagt, daß er keine Begleitung dabei habe.