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Deutsche Rundschau.
Hast Du noch Deine alte Passion? Ich sehe Dich noch so hinfliegen, Du Wildfang. Wenn ich ein Mann wäre. Dich einzufangen, würde mir das Leben bedeuten. Uebrigens bin ich sicher, daß Andere ebenso denken, und wir würden längst den Beweis davon in Händen haben, wenn Du weniger wählerisch wärst. Sei es nicht fürder und vergiß die Ansprüche, die Du machen darfst.
Deine I. T."
Jenny faltete jetzt die kleinen Bogen und that sie in ein Couvert, das, vielleicht um auch schon äußerlich ihren Friedenswunsch anzudeuten, eine Weiße Taube mit einem Oelzweig zeigte. Dies war um so angebrachter, als Hildegard mit Helenen in lebhafter Korrespondenz stand und recht gut wußte, wie, bisher wenigstens, die wahren Gefühle der Treibel's und besonders die der Frau Jenny gewesen waren.
Die Räthin hatte sich eben erhoben, um nach der am Abend vorher etwas angezweifelten Anna zu klingeln, als sie, wie von ungefähr, ihren Blick auf den Vorgarten richtend, ihrer Schwiegertochter ansichtig wurde, die rasch vom Gitter her auf das Haus zuschritt. Draußen hielt eine Droschke zweiter Classe, geschlossen und das Fenster in die Höhe gezogen, trotzdem es sehr warm war.
Einen Augenblick danach trat Helene bei der Schwiegermutter ein und umarmte sie stürmisch. Dann warf sie Sommermantel und Gartenhut bei Seite und sagte, während sie ihre Umarmung wiederholte: „Ist es denn wahr? Ist es möglich?"
Jenny nickte stumm und sah nun erst, daß Helene noch im Morgenkleide und ihr Scheitel noch eingeflochten War. Sie hatte sich also, wie sie da ging und stand, im selben Moment, wo die große Nachricht auf dem Holzhofe bekannt geworden war, sofort auf den Weg gemacht, und zwar in der ersten besten Droschke. Das war Etwas, und angesichts dieser Thatsache fühlte Jenny das Eis Hinschmelzen, das acht Jahre lang ihr Schwiegermutterherz umgürtet hatte. Zugleich traten ihr Thränen in die Augen. „Helene," sagte sie, „was zwischen uns gestanden hat, ist fort. Du bist ein gutes Kind, Du fühlst mit uns. Ich war mitunter gegen dies und das, untersuchen wir nicht, ob mit Recht oder Unrecht; aber in solchen Stücken ist Verlaß auf Euch, und Ihr wißt Sinn von Unsinn zu unterscheiden. Von Deinem Schwiegervater kann ich dies leider nicht sagen. Indessen ich denke, das ist nur Uebergang, und er wird sich geben. Unter allen Umständen laß uns Zusammenhalten. Mit Leopold persönlich, das hat nichts zu bedeuten. Aber diese gefährliche Person, die vor nichts erschrickt und dabei ein Selbstbewußtsein hat, daß man drei Prinzessinnen damit ausstaffiren könnte, gegen die müssen wir uns rüsten. Glaube nicht, daß sie's uns leicht machen wird. Sie hat ganz den Professorentochterdünkel und ist im Stande sich einzubilden, daß sie dem Hause Treibel noch eine Ehre anthut."
„Eine schreckliche Person," sagte Helene. „Wenn ich an den Tag denke mit äeur Nr. Nelson. Wir hatten eine Todesangst, daß Nelson seine Reise verschieben und um sie anhalten würde. Was daraus geworden wäre, weiß ich nicht; bei den Beziehungen Otto's zu der Liverpools Firma vielleicht verhängnißvoll für uns."