Heft 
(1892) 71
Seite
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Frau Jenny Treibel.

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Nun, Gott sei Dank, daß es vorüber gegangen. Vielleicht immer noch besser so, so können wir's an tamilla austragen. Und den alten Professor fürcht' ich nicht, den habe ich von alter Zeit her am Bändel. Er muß mit in unser Lager hinüber. Und nun muß ich fort, Kind, um Toilette zu machen . . . Aber noch ein Hauptpunkt. Eben habe ich an Deine Schwester Hildegard ge­schrieben und sie herzlich gebeten, uns mit Nächstem ihren Besuch zu schenken. Bitte, Helene, füge ein paar Worte an Deine Mama hinzu und thue beides in das Couvert und adressire."

Damit ging die Räthin, und Helene setzte sich an den Schreibtisch. Sie War so bei der Sache, daß nicht einmal ein triumphirendes Gefühl darüber, mit ihren Wünschen für Hildegard nun endlich am Ziele zu sein, in ihr ausdämmerte; nein, sie hatte angesichts der gemeinsamen Gefahr nur Theilnahme für ihre Schwiegermutter, als derTrägerin des Hauses", und nur Haß für Corinna. Was sie zu schreiben hatte, war rasch geschrieben. Und nun adressirte sie mit schöner englischer Handschrift in normalen Schwung- und Rundlinien:Frau Consul Thora Munk, geb. Thompson. Hamburg. Uhlenhorst."

Als die Aufschrift getrocknet und der ziemlich ansehnliche Brief mit zwei Marken frankirt war, brach Helene auf, klopfte nur noch leise an Frau Jenny's Toilettenzimmer und rief hinein:Ich gehe jetzt, liebe Mama. Den Brief nehme ich mit." Und gleich danach Passirte sie wieder den Vorgarten, weckte den Droschken­kutscher und stieg ein.

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Zwischen neun und zehn waren zwei Rohrpostbriefe bei Schmidt's einge­troffen, ein Fall, der, in dieser seiner Gedoppeltheit, noch nicht dagewesen war. Der eine dieser Briefe richtete sich an den Professor und hatte folgenden kurzen Inhalt:Lieber Freund! Darf ich darauf rechnen. Sie heute zwischen zwölf und eins in Ihrer Wohnung zu treffend Keine Antwort, gute Antwort. Ihre ganz ergebene Jenny Treibel." Der andere, nicht viel längere Brief, war an Corinna adressirt und lautete:Liebe Corinna! Gestern Abend noch hatte ich ein Gespräch mit der Mama. Daß ich auf Widerstand stieß, brauche ich Dir nicht erst zu sagen, und es ist mir gewisser denn je, daß wir schweren Kämpfen entgegen­gehen. Aber nichts soll uns trennen. In meiner Seele lebt eine hohe Freudig­keit und gibt mir Muth zu Allem. Das ist das Geheimniß und zugleich die Macht der Liebe. Diese Macht soll mich auch weiter führen und festigen. Trotz aller Sorge Dein überglücklicher Leopold." Corinna legte den Brief aus der Hand.Armer Junge! Was er da schreibt, ist ehrlich gemeint, selbst das mit dem Muth. Aber ein Hasenohr guckt doch durch. Nun, wir müssen sehen. Halte, was Du hast. Ich gebe nicht nach."

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Corinna verbrachte den Vormittag unter fortgesetzten Selbstgesprächen. Mit­unter kam die Schmolle, sagte aber nichts und beschränkte sich auf kleine wirth- schastliche Fragen. Der Professor seinerseits hatte zwei Stunden zu geben, eine griechische: Pindar, und eine deutsche: romantische Schule (Novalis), und War bald nach zwölf wieder zurück. Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, ab­wechselnd mit einem ihm in seiner Schlußwendung absolut unverständlich