Heft 
(1892) 71
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Frau Jenny Treibel.

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Und Ich denke, sie wird sich mit einem gewissen Stolz dazu bekennen, dem armen Jungen das Spiel über den Kopf weggenommen zu haben."

Wohl möglich," sagte Schmidt und stand auf und rief in das Entree hin­ein:Corinna".

Kaum, daß er seinen Platz wieder eingenommen hatte, so stand die von ihm Gerufene auch schon in der Thür, verbeugte sich artig gegen die Commerzien- räthin und sagte:Du hast gerufen, Papa?"

Ja, Corinna, das Hab' ich. Eh' wir aber weitergehen, nimm einen Stuhl und setze Dich in einiger Entfernung von uns. Denn ich möchte es auch äußer­lich markiren, daß Du vorläufig eine Angeklagte bist. Rücke in die Fenster­nische, da sehen wir Dich am besten. Und nun sage mir, hat es seine Richtig­keit damit, daß Du gestern Abend im Grunewald, in dem ganzen Junkerübermuth einer geborenen Schmidt, einen friedlich und unbewaffnet seines Weges ziehenden Bürgerssohn, Namens Leopold Treibel, seiner besten Barschaft beraubt hast?"

Corinna lächelte. Dann trat sie vom Fenster her an den Tisch heran und sagte:Nein, Papa, das ist grundfalsch. Es hat Alles den landesüblichen Ver­lauf genommen, und wir sind so regelrecht verlobt, wie man nur verlobt sein kann."

Ich bezweifle das nicht, Fräulein Corinna," sagte Jenny.Leopold selbst betrachtet sich als Ihren Verlobten. Ich sage nur das Eine, daß Sie das Ueberlegenheitsgefühl, das Ihnen Ihre Jahre . . ."

Nicht meine Jahre. Ich bin jünger ..."

. . . Das Ihnen Ihre Klugheit und Ihr Charakter gegeben, daß Sie diese Ueberlegenheit dazu benutzt haben, den armen Jungen willenlos zu machen und ihn für sich zu gewinnen."

Nein, meine gnädigste Frau, das ist ebenfalls nicht ganz richtig, wenigstens zunächst nicht. Daß es schließlich doch vielleicht richtig sein Wird, darauf müssen Sie mir erlauben, weiterhin zurückznkommen."

Gut, Corinna, gut," sagte der Alte.Fahre nur fort. Also zunächst ..."

Also zunächst unrichtig, meine gnädigste Frau. Denn wie kam es? Ich sprach mit Leopold von seiner nächsten Zukunft und beschrieb ihm einen Hoch­zeitszug, absichtlich in unbestimmten Umrissen und ohne Namen zu nennen. Und als ich zuletzt Namen nennen mußte, da war es Blankenese, wo die Gäste zum Hochzeitsmahle sich sammelten, und war es die schöne Hildegard Munk, die, wie eine Königin gekleidet, als Braut neben ihrem Bräutigam saß. Und dieser Bräutigam war Ihr Leopold, meine gnädigste Frau. Selbiger Leopold aber wollte von dem Allen nichts wissen und ergriff meine Hand und machte mir einen Antrag in aller Form. Und nachdem ich ihn an seine Mutter erinnert und mit dieser Erinnerung kein Glück gehabt hatte, da haben wir uns verlobt.. ."

Ich glaube das, Fräulein Corinna," sagte die Räthin.Ich glaube das ganz aufrichtig. Aber schließlich ist das Alles doch nur eine Comödie. Sie wußten ganz gut, daß er Ihnen vor Hildegard den Vorzug gab, und Sie wußten nur zu gut, daß Sie, je mehr Sie das arme Kind, die Hildegard, in den Vorder­grund stellten, desto gewisser um nicht zu sagen desto leidenschaftlicher, denn