Heft 
(1892) 71
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Frau Jenny Treibel. 15

getäuscht und werde meinen Einfluß, der hier gescheitert, auf meinen Sohn Leopold beschränken müssen."

Ich fürchte," sagte Corinna,daß er auch da versagt . .

Was lediglich davon abhängen wird, ob er Sie sieht oder nicht."

Er wird mich sehen!"

Vielleicht. Vielleicht auch nicht."

Und darauf erhob sich die Commerzienräthin und ging, ohne dem Professor die Hand gereicht zu haben, aus die Thür zu. Hier wandte sie sich noch ein­mal und sagte zu Corinna:Corinna, lassen Sie uns vernünftig reden. Ich will Alles vergessen. Lassen Sie den Jungen wieder los. Er paßt nicht ein­mal für Sie. Und was das Haus Treibel angeht, so haben Sie's eben in einer Weise charakterisirt, daß es Ihnen kein Opfer kosten kann, darauf zu ver­zichten ..."

Aber meine Gefühle, gnädigste Frau . .

Bah," lachte Jenny,daß Sie so sprechen können, zeigt mir deutlich, daß Sie keine haben und daß Alles bloßer Uebermuth oder vielleicht auch Eigensinn ist. Daß Sie sich dieses Eigensinns begeben mögen, wünsche ich Ihnen und uns. Denn es kann zu nichts führen. Eine Mutter hat auch Einfluß auf einen schwachen Menschen, und ob Leopold Lust hat, seine Flitterwochen in einem Ahl- becker Fischerhause zu verbringen, ist mir doch zweifelhaft. Und daß das Haus Treibel Ihnen keine Villa in Capri bewilligen wird, dessen dürfen Sie gewiß sein."

Und dabei verneigte sie sich und trat in das Entröe hinaus. Corinna blieb zurück, Schmidt aber gab seiner Freundin das Geleit bis an die Treppe.

Adieu," sagte hier die Räthin.Ich bedaure, lieber Freund, daß dies zwischen uns treten und die herzlichen Beziehungen so vieler, vieler Jahre stören mußte. Meine Schuld ist es nicht. Sie haben Corinna verwöhnt, und das Töchterchen schlägt nun einen spöttischen und überheblichen Ton an und ignorirt. Wenn nichts Andres, so doch die Jahre, die mich von ihr trennen. Jmpietät ist der Charakter unsrer Zeit."

Schmidt, ein Schelm, gefiel sich darin, bei dem WortJmpietät" ein be­trübtes Gesicht aufzusetzen.Ach, liebe Freundin", sagte er,Sie mögen Wohl Recht haben, aber nun ist es zu spät. Ich bedaure, daß es unserm Hause Vor­behalten war, Ihnen einen Kummer, wie diesen, um nicht zu sagen eine Kränkung anzuthun. Freilich, wie Sie schon sehr richtig bemerkt haben, die Zeit . . . Alles will über sich hinaus und strebt höheren Staffeln zu, die die Vorsehung sichtbarlich nicht wollte."

Jenny nickte.Gott bessre es."

Lassen Sie uns das hoffen."

Und damit trennten sie sich.

In das Zimmer zurückgekehrt, umarmte Schmidt seine Tochter, gab ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte:Corinna, wenn ich nicht Professor wäre, so würd' ich am Ende Socialdemokrat."

Im selben Augenblick erschien auch die Schmolle. Sie hatte nur das letzte Wort gehört und errathend, um was es sich handle, sagte sie:Ja, das hat Schmolle auch immer gesagt."