Frau Jenny Treibet.
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unterlassen dürfe, Hildegard am anderen Nachmittag aus dem Bahnhofe zu empfangen. Er war pünktlich da, begrüßte die schöne Schwägerin und absolvierte die landesübliche Fragenreihe nach dem Befinden und den Sommerplänen der Familie, während einer der von ihm engagierten Gepäckträger erst die Droschke, dann das Gepäck besorgte. Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit Messingbeschlag, dieser aber war von solcher Größe, daß er, als er hinaufgewuchtet war, der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baus von zwei Etagen gab.
Unterwegs wurde das Gespräch von Seiten Leopold's wieder ausgenommen, erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen, weil seine stark hervortretende Befangenheit seiner Schwägerin nur Grund zur Heiterkeit gab. Und nun hielten sie vor der Villa. Die ganze Treibelei stand am Gitter, und als die herzlichsten Begrüßungen ausgetauscht und die nöthigsten Toiletten-Arrangements in fliegender Eile, d. h. ziemlich mußevoll gemacht worden waren, erschien Hildegard auf der Veranda, wo man inzwischen den' Kaffee servirt hatte. Sie fand Alles „himmlisch," was aus Empfang strenger Instructionen von Seiten der Frau Consul Thora Munk hindeutete, die sehr wahrscheinlich Unterdrückung alles Hamburgischen und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel empfohlen hatte. Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise gleich das Kaffeeservice rundweg bewundert. „Eure Berliner Muster schlagen jetzt Alles aus dem Felde, selbst Sävres. Wie reizend diese Grecborte." Leopold stand in einiger Entfernung und hörte zu, bis Hildegard plötzlich abbrach und Allem, was sie gesagt, nur noch hinzusetzte: „Scheltet mich übrigens nicht, daß ich in
einem fort von Dingen spreche, für die sich ja morgen auch noch die Zeit finden würde: Grecborte und Sävres und Meißen und Zwiebelmuster. Aber Leopold ist Schuld; er hat unsere Conversation in der Droschke so streng wissenschaftlich geführt, daß ich beinahe in Verlegenheit kam; ich wollte gern von Lizzi hören und denkt Euch, er sprach nur von Anschluß und Radialsystem, und ich genierte mich zu fragen, was es sei."
Der alte Treibel lachte; die Commerzienräthin aber verzog keine Miene, während über Leopolds blasses Gesicht eine leichte Röthe flog.
So verging der erste Tag, und Hildegard's Unbefangenheit, die man sich zu stören Wohl hütete, schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu sollen. Alles um so mehr, als es die Commerzienräthin an Aufmerksamkeiten jeder Art nicht fehlen ließ. Ja, sie verflieg sich zu höchst werthvollen Geschenken, was sonst ihre Sache nicht war. Ungeachtet all' dieser Anstrengungen aber und trotzdem dieselben, wenn man nicht tiefer nachsorschte, von wenigstens halben Erfolgen begleitet waren, wollte sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen, selbst bei Treibel nicht, auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem glücklichen Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war. Ja, diese gute Laune, sie blieb aus mancherlei Gründen aus, unter denen gerade jetzt auch der war, daß die Zossen-Teupitzer Wahlcampagne mit einer totalen Niederlage Vogelsang's geendigt hatte. Dabei mehrten sich die persönlichen Angriffe gegen Treibel. Anfangs hatte man diesen, wegen seiner großen Beliebtheit, rücksichtsvoll außer Spiel gelassen, bis die Taktlosigkeiten seines Agenten ein weiteres
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