Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

Schonen unmöglich machten.Es ist zweifellos ein Unglück," so hieß es in den Organen der Gegenpartei,so beschränkt zu sein wie Lieutenant Vogelfang, aber eine solche Beschränktheit in seinen Dienst zu nehmen, ist eine Mißachtung gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises. Die Candidatur Treibel scheitert einfach an diesem Affront."

Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibel's, was Hildegard all- mälig so sehr zu fühlen begann, daß sie halbe Tage Sei den Geschwistern zu­brachte. Der Holzhof war überhaupt hübscher als die Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit ihren langen Weißen Strümpfen. Einmal waren sie auch roth. Wenn sie so herankam und die Tante Hildegard mit einem Knix begrüßte, flüsterte diese der Schwester zu:guits engUsü, Ilelsn/ und man lächelte sich dann glücklich an. Ja, es waren Lichtblicke. Wenn Lizzi dann aber wieder fort war, war auch zwischen den Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr, weil das Gespräch die zwei wichtigsten Punkte nicht berühren durfte: die Verlobung Leopold's und den Wunsch aus dieser Verlobung mit guter Manier herauszukommen.

Ja, es sah nicht heiter aus bei den Treibel's, aber bei den Schmidt's auch nicht. Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in Verstimmung, lebte vielmehr umgekehrt der Ueberzeugung, daß sich nun Alles bald zum Besseren wenden werde; dießen Proceß aber sich still vollziehen zu lassen, schien ihm ganz unerläßlich, und so verurtheilte er sich, was ihm nicht leicht wurde, zu unbe­dingtem Schweigen. Die Schmolle war natürlich ganz entgegengesetzter Ansicht und hielt, wie die meisten alten Berlinerinnen, außerordentlich viel vonsich aussprechen," je mehr und je öfter, desto besser. Ihre nach dieser Seite hin ab­zielenden Versuche verliefen aber resultatlos, und Corinna war nicht zum Sprechen zu bewegen, wenn die Schmolle begann:Ja, Corinna, was soll denn nun eigentlich werden? Was denkst Du Dir denn eigentlich?"

Aus all' das gab es keine rechte Antwort, vielmehr stand Corinna wie am Roulett und wartete mit verschränkten Armen, wohin die Kugel fallen würde. Sie war nicht unglücklich, aber äußerst unruhig und unmuthig, vor Allem, wenn sie der heftigen Streitscene gedachte, bei der sie doch vielleicht zu viel gesagt hatte. Sie fühlte ganz deutlich, daß Alles anders gekommen wäre, wenn die Räthin etwas weniger Herbheit, sie selber aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt hätte. Ja, da hätte sich dann ohne sonderliche Mühe Frieden schließen und das Bekenntniß einer gewissen Schuld, weil Alles bloß Berechnung gewesen, allenfalls ablegen lassen. Aber freilich im selben Augenblicke, wo sie, neben dem Bedauern über die hochmüthige Haltung der Räthin, vor Allem und in erster Reihe sich selber der Schuld zieh, in eben diesem Augenblicke mußte sie sich doch auch wieder sagen, daß ein Wegfall Alles dessen, was ihr vor ihrem eigenen Gewissen in dieser Angelegenheit als fragwürdig erschien, in den Augen der Räthin nichts gebessert haben würde. Diese schreckliche Frau, trotzdem sie beständig so that und sprach, war ja weitab davon, ihr wegen ihres Spiels mit Gefühlen einen ernsthaften Vorwurf zu machen. Das war ja Nebensache, da lag es nicht. Und wenn sie diesen lieben und guten Menschen, wie's ja doch möglich war,