Frau Jenny Treidel.
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aufrichtig und von Herzen geliebt hätte, so wäre das Verbrechen genau dasselbe gewesen. „Diese Räthin, mit ihrem überheblichen „Nein," hat mich nicht da getroffen, wo sie mich treffen konnte, sie weist diese Verlobung nicht zurück, weil mir's an Herz und Liebe gebricht, nein, sie weist sie nur zurück, weil ich arm oder wenigstens nicht dazu angethan bin, das Treibel'sche Vermögen zu verdoppeln, um nichts, nichts weiter; und wenn sie vor Anderen versichert oder vielleicht auch sich selber einredet, ich sei ihr zu selbstbewußt und zu professorlich, so sagt sie das nur, weil's ihr gerade paßt. Unter andern Verhältnissen würde meine Professorlichkeit mir nicht nur nicht schaden, sondern ihr umgekehrt die Höhe der Bewunderung bedeuten."
So gingen Corinna's Reden und Gedanken, und um sich ihnen nach Möglichkeit zu entziehen, that sie, was sie seit lange nicht mehr gethan, und machte Besuche bei den alten und jungen Professorenfrauen. Am besten gefiel ihr wieder die gute, ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch genommene Frau Rindfleisch, die jeden Tag, ihrer vielen Pensionäre halber, in die große Markthalle ging und immer die besten Quellen und die billigsten Preise wußte, Preise, die dann später der Schmolle mitgetheilt, in erster Reihe den Aerger derselben, zuletzt aber ihre Bewunderung vor einer höheren wirthschaftlichen Potenz weckten. Auch bei Frau Immanuel Schultze sprach Corinna vor und fand dieselbe, vielleicht weil Friedeberg's nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares Thema bildete, auffallend nett und gesprächig, Immanuel selbst aber war wieder so großsprecherisch und cynisch, daß sie doch fühlte, den Besuch nicht wiederholen zu können. Und Weil die Woche so viele Tage hatte, so mußte sie sich zuletzt zu Museum und National-Galerie bequemen. Aber sie hatte keine rechte Stimmung dafür. Im Cornelius-Saal interessierte sie, vor dem einen großen Wandbilde, nur die ganz kleine Predelle, wo Mann und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken, und im ägyptischen Museum fand sie eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Ramses und Vogelfang.
Wenn sie dann nach Hause kam, fragte sie jedesmal, ob wer dagewesen sei, was heißen sollte: „War Leopold da?" woraus die Schmolle regelmäßig antwortete: „Nein, Corinna, keine Menschenseele." Wirklich, Leopold hatte nicht den Muth zu kommen und beschränkte sich darauf, jeden Abend einen kleinen Brief zu schreiben, der dann am andern Morgen auf ihrem Frühstückstische lag. Schmidt sah lächelnd drüber hin, und Corinna stand dann wie von ungefähr auf, um das Brieschen in ihrem Zimmer zu lesen. „Liebe Corinna. Der heutige Tag verlief wie alle. Die Mama scheint in ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen. Nun, wir wollen sehen, wer siegt. Hildegard ist viel bei Helene, weil Niemand hier ist, der sich recht um sie kümmert. Sie kann mir leid thun, ein so junges und hübsches Mädchen. Alles das Resultat solcher Anzettelungen. Meine Seele verlangt, Dich zu sehen, und in der nächsten Woche werden Entschlüsse von mir gefaßt werden, die volle Klarheit schaffen. Mama wird sich Wundern. Nur so viel, ich erschrecke vor nichts, auch vor dem Aeußersten nicht. Das mit dem vierten Gebot ist recht gut, aber es hat seine Grenzen. Wir haben auch Pflichten gegen uns selbst und gegen die, die wir über Alles lieben, die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten. Ich schwanke noch, wohin, denke