20
Deutsche Rundschau.
aber England; da haben wir Liverpool und Mr. Nelson und in zwei Stunden sind Wir an der schottischen Grenze. Schließlich ist es gleich, Wer uns äußerlich vereinigt, sind wir es doch längst in uns. Wie mir das Herz dabei schlägt. Ewig der Deine. Leopold."
Corinna zerriß den Bries in kleine Streifen und warf sie draußen ins Kochloch. „Es ist am besten so; dann vergeß' ich wieder, was er heute geschrieben, und kann morgen nicht mehr vergleichen. Denn mir ist, als schriebe er jeden Tag dasselbe. Sonderbare Verlobung. Aber soll ich ihm einen Vorwurf machen, daß er kein Held ist? Und mit meiner Einbildung, ihn zum Helden umschaffen zu können, ist es auch vorbei. Die Niederlagen und Demüthigungen Werden nun Wohl ihren Anfang nehmen. Verdient? Ich fürchte."
Anderthalb Wochen waren um, und noch hatte sich im Schmidt'schen Hause nichts verändert; der Alte schwieg nach wie vor, Marcell kam nicht und Leopold noch weniger, und nur seine Morgenbriese stellten sich mit großer Pünktlichkeit ein; Corinna las sie schon längst nicht mehr, überflog sie nur und schob sie dann lächelnd in ihre Morgenrocktasche, wo sie zersessen und zerknittert wurden. Sie hatte zum Tröste nichts als die Schmolle, deren gesunde Gegenwart ihr Wirklich wohlthat, wenn ste's auch immer noch vermied, mit ihr zu sprechen.
Aber auch das hatte seine Zeit.
Der Professor war eben nach Hause gekommen, schon um elf, denn es war Mittwoch, wo die Classe, für ihn wenigstens, um eine Stunde früher schloß. Corinna sowohl wie die Schmolle hatten ihn kommen und die Drückerthür geräuschvoll ins Schloß fallen hören, nahmen aber beide keine Veranlassung, sich weiter um ihn zu kümmern, sondern blieben in der Küche, d'rin der Helle Julisonnenschein lag und alle Fensterflügel geöffnet waren. An einem der Fenster stand auch der Küchentisch. Draußen, an zwei Haken, hing ein kastenartiges Blumenbrett, eine jener merkwürdigen Schöpfungen der Holzschneidekunst, wie sie Berlin eigentümlich sind: kleine Löcher zu Sternblumen zusammengestellt; Anstrich dunkelgrün. In diesem Kasten standen mehrere Geranium- und Goldlacktöpfe, zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich in großstädtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Küchentisch setzten. Hier pickten sie vergnügt an Allem herum, und Niemand dachte daran, sie zu stören. Corinna, den Mörser zwischen den Knien, war mit Zimmetstoßen beschäftigt, während die Schmolle grüne Kochbirnen der Länge nach durchschnitt und beide gleiche Hälften in eine große braune Schüssel, eine sogenannte Reibesatte, fallen ließ. Freilich zwei ganz gleiche Hälften waren es nicht, konnten es nicht sein, weil natürlich nur eine Hälfte den Stengel hatte, welcher Stengel denn auch Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde, wonach sich die Schmolle schon seit lange sehnte.
„Sieh', Corinna," sagte die Schmolke, „dieser hier, dieser lange, das ist so recht ein Stengel nach dem Herzen Deines Vaters ..."
Corinna nickte.
„. . . Den kann er anfassen wie 'ne Maccaroni und Hochhalten und Alles von unten her ausessen ... Es ist doch ein merkwürdiger Mann ..."
„Ja, das ist er!"