Homer als Charakterdarsteller.
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schiedenheit sich zudrängender Einzelnheiten, sieht man heute die Dinge greller, bewegter, verwirrter als sie waren. Wie auch unsere Maler die Ereignisse bunter schildern als sie gewesen sind. Die Jahrhunderte gingen sarbloser dahin. Das Geschehene wiederholte sich in gleichgültiger Ähnlichkeit der Scenen. Wie monoton und abgethan zeigen Chodowiecki's gleichzeitige Blätter die sridericia- nische Zeit im Gegensatz zu Menzel's Holzschnitten, Radirungen und Bildern. Heute glitzert und schimmert das Alles. Auch die Gedanken waren einfacher, als sie heute scheinen. Sehen wir, wie stationär die grundlegenden Gedanken der römischen Kirche geblieben sind. Wie sie für die Anschauungen von nicht minder gleichgebliebenen Bevölkerungen den alten Grundton bilden. Wie einfach sich die germanischen Gedanken der Reformation ihnen immer noch gegenüberstellen. Diese beiden Elemente zu verfolgen, gewährt bereits die Kenntniß der Weltgeschichte im Großen. Die Solidarität der sittlichen Ueberzeugungen aller Menschen ist heute die uns Alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existirt hier bereits nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte. Wir Alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbei- zusühren, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weitentfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser Aller heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. „Friede aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" durchdringt uns. Die Bewohner unseres Planeten, allesammt als Einheit gefaßt, erfüllt ein allverständliches Feingefühl, das selbst die rohesten Völker ahnen und das zu verletzen sie Scheu tragen. Die Menschen von heute erkennen jedem Einzelnen in geistigen Dingen das Recht individueller Selbstbestimmung zu. Selbst wilde menschliche Geschöpfe lassen sich zu diesem Gedanken hinleiten. Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshöfe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie
sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie Vor
haben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern. Ich habe das Gefühl, als sei Homer's Ziel gewesen, den Kamps der Völker vor Troja so zu fassen, als habe diese in äußerster Vergangenheit liegende Bewegung einst eine Fülle von Nationen umgriffen, deren sittliches Bewußtsein ein gemeinsames war und innerhalb deren um die führende Stellung gekämpft ward. Sie gleichen unserer Epoche darin. Nicht äußere zufällige Gewalt oder zufällige Protection göttlicher Mächte, sondern die Berechtigung, die der Charakter gewährt, geben in der Ilias die Entscheidung. Im Gegensätze zu den Helden der Nibelungen, kämpfen die
Homer's ungern. Der Friede ist das Natürliche. Sie empfinden den Kampf als
eine ihnen aufgelegte Last. Sie ruhen lieber. Sie verlangen nach Hause. Das friedliche Dasein winkt ihnen von ferne entzückend zu, aber die Götter peitschen sie in den Kamps. Mir scheint, als habe Homer Krieg und Frieden einander gegen-