Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

übergestellt, wie bei Schiller Max Piccolomini sie erblickte. Wir erwarten heute einen Dichter, der der Menschheit den Dienst leiste, den Homer seinen Völkern einst geleistet hat. Im Genüsse seiner Dichtung fanden die Griechen sich friedlich zusammen. Die olympischen Spiele waren die Anerkennung der goldenen Frie­denstage, die selbst im Kriege nicht aufhörten. Homer hat die zur Schönheit strebende griechische Cultureinheit geschaffen, Dante die italienische, Shakespeare die der Völker germanischen Blutes, Goethe und Schiller die deutsche. Wir erwarten noch höhere Wohlthaten von Dichtern. Allen Menschen heute wäre ie froheste Botschaft, daß ein Mann erstanden sei, dessen Worte allen Völkern verständlich wären, der die heute im Kampfe ums Dasein stehenden Charaktere im Wohlklange einer neuen Sprache schilderte, wie Homer den Griechen gethan. Homer hat sicherlich das geleistet. Die friedliche Vereinigung der antiken Völker ruht aus seinen Schultern. Die Verehrung, die sie ihm gezollt haben, steht ohne weiteres Beispiel da. Weder Dante, noch Shakespeare, noch Goethe und Schiller haben so Wirkungsvolles vollbracht. Es ist, als habe vor Homer nur eine ein­zige trübe Jahreszeit geherrscht und er die Zeiten getrennt und zum ersten Male Frühling und Sommer werden lassen.

Von all' dem tönt uns aus seinen Versen freilich nur ein Nachklang zu. Uns kann Homer nicht sein, was er jenen Zeiten gewesen ist. Eine so große Macht aber wirkt fort, auch wenn sie ihre Hauptaufgabe erfüllt hat. In Er­staunen setzt mich als etwas Unerklärliches meine eigene Erfahrung mit Homer. Im Laufe meines Lebens habe ich von den Gebilden der Phantasie kennen ge­lernt, was die deutschen bildenden Künstler und Dichter und die anderer Völker hervorgebracht haben. Diese Schöpfungen, die der neuesten Zeit miteinbegriffen, haben mir in der ersten Ueberraschung des Kennenlernens oft einen Eindruck ge­macht, der später nicht vorhielt, so daß bei dem Rückblicke aus all' diese durch­wanderten Literaturen nur eine beschränkte Zahl von Autoren zurückgeblieben sind, die ich auch jetzt noch wieder und wieder lesen möchte. Keines von diesen Werken aber hat sich in mir festgesetzt wie Homer's Gesänge. Den eigentlichen Grund dieser von Homer ausgehenden Kraft weiß ich nicht zu nennen. Aber es scheint, daß sehr Viele sie ebenso stark empfunden haben als ich. Wollte man sammeln, was an Bekenntnissen dieser Art erhalten geblieben ist, so würde eine große Reihe von Geständnissen sich zusammenfinden. Homer überbietet an innerer Gewalt Dante, Shakespeare, Schiller, Goethe. Die Gestalten graben sich tiefer und leuchtender ein. Sie haben etwas von der Farbenmacht von Glasgemälden. Achill ist mir unmittelbarer gegenwärtig als Faust und Hamlet. Dieser Er­folg ist um so räthselhaster, als mir die Sprache Homer's nicht ins Ohr klingen kann wie Denen einst, für die er dichtete. So vielen seiner Verse fühlt sich an: das war nur für den Tag gedichtet, an dem es zuerst vom Volke gehört ward, und ein paar Jahrzehnte später schon vielleicht war es veraltet. Wie die älteste Form des König von Thule Goethe selbst in späteren Jahren veraltet klang. Da mögen alte Leute in Jonien gesagt haben: Ja, als wir jung waren, sang Homer das anders! Wer kennt die Geheimnisse einer Sprache? Die griechische, die lateinische, französische und italienische, mit denen ich ausgewachsen bin, sind mir bei aller Geläufigkeit nicht von Ferne so vertraut als die deutsche. Nur in