Heft 
(1892) 71
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Homer als Charakterdarsteller.

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dieser erweckt der Klang vieler Worte die endlosen Perspectiven, als sei es eine unendliche Arbeit, ihren Sinn zu erschöpfen. Nur in ihr wird das Wort zu Geist. Und trotzdem neben unseren Deutschen Werken diese Gewalt der Phantasie­gebilde eines fremden Volkes und einer Zeit, die halb außerhalb unserer geschicht­lichen Anfänge liegt! Etwas Persönliches steckt in diesen Gedichten, das zumeist an Homer's so leidenschaftlich heute geleugnete Persönlichkeit glauben läßt, als an einen Mann, des eigene tiefste Gefühle in Ilias und Odyssee liegen.

II. Der zehnte Gesang der Ilias.

(Die Doloneia.)

Ich veröffentliche hier den zehnten Gesang der Ilias, mit welchem der be­vorstehende zweite Band meines Buches über Homer beginnen soll. Die Doloneia hat einen gewissen Bestand für sich, und es läßt sich manche, die gesammte Ilias betreffende Betrachtung an sie anknüpsen.

Homer hatte im neunten Gesänge Achill's moralische Krankheit mit so kräftigen Strichen wieder zur Mitte der Ereignisse gemacht, daß wir im zehnten Gesänge mit Sicherheit die entscheidenden Thatsachen erwarten, die Achill in Zwie­spalt mit sich selbst und, modern gesagt, zur Vernunft bringen werden. Es ist Alles, was kommen soll, von Homer oft genug ja schon angedeutet worden. Ein Moment wird eintreten, wo Achill die Zurückhaltung nicht mehr erträgt. Wir erwarten diese Selbstbefreiung. Sie muß hervorgehen aus gewaltigen inneren Kämpfen, denen gewaltiger äußerer Kamps vorausging.

Homer aber hat die Entwicklung zu vieler Charaktere gleichmäßig zu fördern, als daß er sich erlauben dürfte, selbst Achill hier den Vorzug zu geben. Der Dichter behält sich Freiheit vor, den Gang der Begebenheiten in breitem Flusse zu regeln. Es ist auffallend, wie Homer zuweilen, wenn er einzelnen Charak­teren den Vorzug eingehenderer Behandlung zu geben geneigt erscheint, solche auswählt, die unser Interesse weniger herausfordern, ja, solche, die der Dichter nicht einmal persönlich bevorzugt. Warum? Treibt sein Gerechtigkeitsgefühl ihn an, die Persönlichkeiten recht genau zu behandeln, die eben, weil er sie nicht mochte, sich hätten beklagen können, mit unbilliger Kürze abgethan worden zu sein? Homer läßt im zehnten Gesang Achill ganz wieder zurücktreten und wendet sich Agamemnon und Menelaos zu. Gründe verschiedener Art konnten für ihn bei der dichterischen Behandlung dieser beiden Gestalten maßgebend sein: zu erkennen glaube ich, daß er Menelaos und Agamemnon technisch anders heraustreten ließ als die klebrigen. Ich werde im Laufe meiner Betrachtungen öfter auf dies Technische zurückkommen, weil es für die Mannigfaltigkeit künstle­rischer Mittel zeugt, welche Homer zu Gebote standen.

Die Bethätigung Agamemnon's an den Ereignissen, welche den Inhalt der Ilias ausmachen, wird, ich wiederhole es, von Homer eingehender motivirt als unsere heutige Theilnahme an der Persönlichkeit des Königs verlangt. Rechnen wir zusammen, was die vierundzwanzig Gesänge über ihn enthalten, so erscheint der Raum, den diese Verse einnehmen, als ein relativ großer. Die Griechen hatten größeres Interesse an diesem Charakter als wir. Auch der Agamemnon